Gewalt in Ägypten : Zeugen des Zorns

Freude auf Seiten der Verwandten und Freunde der Opfer des Blutbades vor einem Jahr, Wut und Krawalle von Seiten der Fans des Fußballclubs Al Masry - noch nie war Ägypten so gespalten wie zum zweiten Jahrestag der Revolution. Die Gewalt gerät landesweit außer Kontrolle.

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Tobender Triumph. Fußballfans in Kairo bejubeln das Todesurteil, während eine Menschenmenge in Port Said versucht, das Gefängnis zu stürmen. Es gibt mehrere Tote. Foto: Khaled Desouki
Tobender Triumph. Fußballfans in Kairo bejubeln das Todesurteil, während eine Menschenmenge in Port Said versucht, das Gefängnis...Foto: AFP

Kaum hatte um 9 Uhr früh der Vorsitzende Richter Sobhy Abdel Maguid im Staatsfernsehen live die Liste der 21 zum Tode verurteilten Fußballfans aus Port Said verlesen, brach vor den Toren der Polizeiakademie in Neu-Kairo frenetischer Jubel aus. Frauen stimmten mit ihren Freudenträllern wie auf einer Hochzeitsfeier ein, Männer lagen sich weinend in den Armen, andere küssten innig Fotos ihrer getöteten Angehörigen, die sie mitgebracht hatten. „Rache, Rache“ rief die Menge in Sprechchören und schwenkte mitgebrachte Galgenstricke.

Ausschreitungen nach Fußball-Urteil
21 Fußballfans aus Port Said wurden in Kairo zum Tode verurteilt. Bereits im Gerichtssaal demonstrierten die Verwandten der Opfer ihre Freude über das Urteil.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: dpa
26.01.2013 18:0521 Fußballfans aus Port Said wurden in Kairo zum Tode verurteilt. Bereits im Gerichtssaal demonstrierten die Verwandten der Opfer...

„Ein Land – zwei Völker", titelte kürzlich eine Kairoer Zeitung. Ägypten ist so tief gespalten wie nie zuvor – zwei Jahre nach der Revolution gegen Hosni Mubarak. Und das zeigte sich besonders deutlich am Tag der Urteilsverkündung. Während also die Anhänger des Kairoer Traditionsclubs Al Ahly auf ihrem Vereinsgelände auf der Insel Zamalek Freudenböller zündeten, Fangesänge erklingen ließen und mit hupenden Autokorsi durch die Straßen kurvten, brach 400 Kilometer entfernt, in der Suez-Stadt Port Said die Hölle los. Von allen Seiten strömten aufgebrachte Menschen zu dem Zentralgefängnis. Ein ausgedehntes Gelände, was von einer hohen Mauer mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben ist. Ein Stoßtrupp junger Männer versuchte, in das Innere der Haftanstalt vorzudringen, um die zum Tode Verurteilten zu befreien. Auf Handyvideos von Augenzeugen sind Schüsse aus automatischen Waffen zu hören, panisch sucht die Menge in den angrenzenden Seitenstraßen Schutz vor den dichten Wolken aus Tränengas. Zwei Wachleute der Haftanstalt starben, als sie und ihre Kollegen die Angreifer

zurückschlugen. Danach eskalierte die Gewalt in der gesamten Stadt. Polizeistationen wurden geplündert, Autos angezündet, der Industriepark nahe des Hafens angegriffen. Im Stadtviertel Al-Manakh war stundenlang schweres Gewehrfeuer zu hören. Über Lautsprecher riefen die Moscheen die Bevölkerung zu Blutspenden auf. Bis zum Abend meldeten die staatlichen Behörden mindestens Dutzende Tote und hunderte Verletzte – die zweite Katastrophe von Port Said im dem von wachsender Anarchie und Gesetzlosigkeit geschüttelten post-revolutionären Ägypten.

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