Politik : Gift im Fluss

Russische Amur-Region vor Öko-Katastrophe?

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Dreitausend Mann malochten mit Schippe und Spaten beim Dammbau 60 Kilometer vor Chabarowsk, in einer Bucht des Amur, aus dem die Stadt ihr Wasser bezieht. Am Mittwoch wurde die letzte Lücke geschlossen. Keine Minute zu früh: Rund hundert Tonnen Nitrobenzol und Phenole – hochgiftige Verbindungen, die bei der Explosion in einem Chemiewerk der nordchinesischen Stadt Jilin am 13. November freigesetzt wurden – treiben seither den Fluss Songhua hinunter. Der aber mündet in den Amur, dessen linkes Ufer zu Russland gehört. Am Donnerstagnachmittag erreichte die Giftbrühe Chabarowsk, mit knapp 700 000 Einwohnern die größte Stadt in Russisch-Fernost.

Durch die Eisbildung fließen Songhua und Amur momentan eher träge. Auch der Giftteppich, den Russland schon Anfang Dezember erwartet hatte, bewegt sich daher mit 50 Kilometern täglich viermal langsamer als zu Beginn der Katastrophe. Der Katastrophenschutz gewann dadurch Zeit, das Schlimmste abzuwenden. Die Bevölkerung konnte sich mit Trinkwasser bevorraten, alle landesweit verfügbaren Reserven von Aktivkohle zur Wasserentgiftung wurden ins Notstandsgebiet geflogen, der Damm wurde fertig. Dadurch, so hofft die Regionalregierung, könne man wahrscheinlich vermeiden, das Wasser und damit die Fernwärmeversorgung abzustellen.

Die wahren Risiken werden aber wieder einmal heruntergespielt. Meldungen, wonach die zulässige Schadstoffkonzentration bisher nicht überschritten wurde, hält der Chef der russischen Sektion von Greenpeace, Alexej Kisseljow, für höchst bedenklich. Dabei, so Kisseljow in Radio Liberty, würden offenbar die Toleranzgrenzen für Fischfang zu Grunde gelegt. Die seien jedoch weicher als der Grenzwert für Trinkwasser. Alarmierend sei zudem, dass der Chloranteil im Wasser inzwischen 150-mal höher als normal ist. Darüber wunderten sich russische Experten schon, als sie Anfang Dezember im chinesischen Harbin Proben zogen. Ihr Fazit: Entweder seien bei der Explosion auch Chlorverbindungen freigesetzt worden oder Peking habe den verseuchten Songhua mit Chlorkalk behandelt.

Nach offizieller Darstellung ist der Giftteppich inzwischen 90 Quadratkilometer groß. Reporter unabhängiger Medien sprechen dagegen von 190 Quadratkilometern. Auch die offiziell veranschlagte Zeit, wonach der Giftteppich in drei Tagen weitergetrieben ist, stimmt nach Meinung von Experten wie Kisseljow nicht. Er geht wegen der verlangsamten Fließgeschwindigkeit von mindestens fünf Tagen aus. Reste dürften sich bis Frühjahr halten, wenn das Eis schmilzt.

Auch sind es von Chabarowsk noch 1150 Kilometer bis zur Amur-Mündung. Das Gift, fürchten Umweltschützer, dürfte das sensible Ökosystem des Ochotskischen Meeres, eines Randgewässers des Pazifiks, und die Gebiete am Unterlauf des Flusses schädigen. Auch die Ureinwohner der Taiga sind schlimm getroffen: Udehen oder Nanaier, die von Pelztierjagd und Fischfang leben und schon auf wenige hundert Seelen dezimiert sind, verlieren durch das mindestens zweijährige Fangverbot, das für die Amur-Region gilt, ihre Existenzgrundlage.

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