Politik : Gift im Gepäck

Harald Maass

Die Flüchtlinge kamen als Touristen verkleidet. Mit bunten Mützen auf dem Kopf stiegen die Nordkoreaner am Donnerstagmorgen vor der spanischen Botschaft in Peking aus einem Bus. Ein Mann hielt den Wachmann fest, dann rannten die 25 Menschen durch das offene Tor auf das Gelände, um sich in der Botschaft zu verschanzen.

Für die Nordkoreaner, darunter sechs Familien und ein zehnjähriges Mädchen, war die Flucht in die Botschaft der letzte Ausweg. Wegen der Not und Unterdrückung hatten sie Nordkorea verlassen und waren über die Grenze nach China geflohen. Sie wollten lieber sterben, als zurück zu gehen. "Einige von uns tragen Gift bei sich, um Selbstmord zu begehen", heißt es in einer Erklärung. Sie verlangen, dass die chinesische Regierung sie ausreisen lässt, und sie in Südkorea ein neues Leben beginnen können. Sollten sie zurück müssen, rechnen sie mit der Todesstrafe.

Ursprünglich sei die deutsche Botschaft das Ziel gewesen, erklärte der deutsche Arzt Norbert Vollertsen, der zusammen mit Menschenrechtsgruppen die Flucht der Nordkoreaner organisierte. "Die deutsche Botschaft war zu stark bewacht", sagte Vollertsen. Der ehemalige Cap Anamur-Mitarbeiter war Ende 2000 aus Nordkorea ausgewiesen worden. Er bestätigte, dass die Flüchtlinge Gift bei sich tragen - nach seinen Angaben eine Mischung aus Opium und Rattengift.

Zehntausende Nordkoreaner leben versteckt im chinesischen Grenzgebiet, schätzten Hilfsorganisationen. Viele von ihnen schlagen sich als Bettler durch. Da Peking die Flüchtlinge offiziell nicht anerkennt, leben sie in ständiger Angst, zurück geschickt zu werden. In Nordkorea werden sie häufig gefoltert und in Lagern festgehalten, berichtet Amnesty International.

Spanien strebt bei der Bewältigung des Flüchtlingsdramas offenbar ein gemeinsames Vorgehen der europäischen Regierungen an: Der spanische Botschafter in Peking, Eugenio Bregolat, hat sich mit anderen europäischen Diplomaten in Verbindung gesetzt. Außerdem verhandele man mit den chinesischen Behörden, teilte das spanische Außenministerium mit. Vollertsen ist optimistisch, dass Peking die Nordkoreaner ausreisen lässt. Ihm schweben bereits größere Aktionen wie einst in Ostberlin vor. "Das nächste Mal könnte man auch 150 Leute nach Peking bringen."

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