Politik : Gipfelrauch

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Also: Es gibt den Ostblock doch noch. Immer fünf Minuten lang, zwischen den Gängen der Gipfel-Dinners , erwacht er zu qualmendem Leben. Dann stehen Slowaken und Slowenen, Rumänen und Bulgaren, Tschechen und Polen frierend und rauchend auf den Terrassen und Vorplätzen der Prager Nato-Paläste. Nach zwei hastigen Zigaretten wiedervereint sich der Ostblock stets eilig mit den neuen Bündnispartnern, um den Blick nach Washington zu richten und devote Reden zu halten über Massenvernichtungswaffen, den entschlossenen Kampf gegen den Terrorismus, Rohstoffinteressen am Kaspischen Meer und konziliant gegenüber der europawütigen Türkei. So viel Unterwerfung gegenüber den USA geht mit zittrigen Entzugserscheinungen daher, aber bald aufersteht der Ostblock ja wieder in der Raucherzone. Längst entgiftete Westeuropäer haben es da nicht so leicht. Sie lockt kein Ostblock auf den Balkon. Ihren Machtentzug, denn gegen die Amis haben sie ebenso wenig zu melden, müssen sie auf eine Weise kompensieren, die rätselhaft bleibt. Der Gipfel selbst bleibt jedenfalls qualmfrei. Die Nato pafft nicht. Prag liegt in Kalifornien. Die grauen Dunstschwaden des alten Ostblocks sind besiegt. Oder zumindest hinaus in die Novemberkälte verbannt. Aber fragen wir doch den ersten Geheimdienstchef der unabhängigen tschechischen Republik. Der ist gerade aus dem Ostblock zum Dessert zurückgekehrt in den euroatlantischen Raum an unseren Tisch. „Tja, die Amerikaner bestimmen heutzutage eben alles“, sagt er. Und lacht. Ein weiser Mann.

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