Gordon Brown : Vom Schatzkanzler zum Premier

Nach zehn Jahren als Finanzminister Großbritanniens ist Gordon Brown offiziell von seiner Partei zum Nachfolger Tony Blairs als Labour-Vorsitzender und Premierminister ernannt worden.

London - "Ich akzeptiere diese Möglichkeit, dem Volk Großbritanniens zu dienen", sagte Brown in London bei einer von Fernsehsendern live übertragenen Ansprache. Blair, der sich am Donnerstag zum Abschiedbesuch in den USA aufhielt, hatte vor wenigen Tagen angekündigt, er wolle am 27. Juni aus dem Amt scheiden. Er werde alles in seinen Kräften stehende tun, um das Königreich durch die "Herausforderungen der Zukunft zu führen", sagte Brown. Es gebe für ihn keine höhere Berufung, "als diesem Land zu dienen". Er wolle ein Premierminister für alle Bürger sein. "Ich werde mein Bestes für alle Menschen in Großbritannien tun", versprach Brown.

Sein Regierungsstil werde von Offenheit und Dialog bestimmt sein. Dies gelte auch für die Außenpolitik. Dabei gehöre die Suche nach einer Lösung für den Irak-Krieg und allgemein für den Nahost-Konflikt klar zu seinen Prioritäten. Dafür wolle er die wirtschaftliche Entwicklung in den Palästinensergebieten stärker unterstützen. Brown sagte, es könne nicht abgestritten werden, dass Großbritanniens militärische Beteiligung an der Irak-Invasion zu "sehr großen Verwerfungen in der öffentlichen Meinung" geführt habe. Brown machte aber erneut deutlich, dass London seine Truppen nicht vorzeitig abziehen werde.

Keine Gegenkandidaten zu Brown

Brown war am selben Tag vom Labour-Exekutivkomitee offiziell zum Nachfolger Blairs bestimmt worden, nachdem keiner seiner potenziellen Gegenkandidaten auf die erforderliche Anzahl von mindestens 45 Stimmen von Labour-Abgeordneten gekommen war. Kurz vor dem Ende der Frist zur Aufstellung von Kandidaten innerhalb der regierenden Labour-Partei hatte der letzte potenzielle Herausforderer Browns aufgegeben. Es sei "mathematisch unmöglich", gegen den Schatzkanzler anzutreten, erklärte der Abgeordnete John McDonnell.

Der Politiker vom linken Labour-Flügel hatte deutlich weniger als die notwendigen 45 Nominierungen durch Labour-Parlamentarier bekommen. Brown hingegen, der schon seit langem als künftiger Regierungschef Großbritanniens gilt, bekam die offizielle Unterstützung von 313 der 353 Parlamentsmitglieder seiner Partei. Damit war sicher, dass der 56-jährige Schotte von Ende Juni an das Vereinigte Königreich regieren wird. Premierminister Blair hatte am 10. Mai seinen Rücktritt zum 27. Juni erklärt. Zugleich hatte er seiner Partei ausdrücklich empfohlen, Brown zu seinem Nachfolger zu machen.

Opposition fordert Neuwahlen

Die Opposition reagierte auf den Durchmarsch des Schatzkanzlers zur Regierungsspitze mit der Forderung nach sofortigen Neuwahlen. Der Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei, Sir Menzies Campbell, erklärte, Brown werde praktisch "gekrönt" und sei nicht ausreichend demokratisch legitimiert. "Eine Krönung ist weder gut für Labour, noch für unser Land." Brown kann jedoch nach dem britschen Wahlgesetz bis zum Ende der fünfjährigen Amtszeit regieren, für die Blair nach dem Labour-Wahlsieg vom Mai 2005 bestätigt worden war. Allgemeine Wahlen muss er nicht vor Frühjahr 2010 ansetzen. Er könnte als Premierminister aber jederzeit einen früheren Termin festlegen.

Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Präsident George W. Bush betonte Blair in Washington, Großbritannien werde auch nach seinem Rücktritt weiter eng an der Seite der USA im Kampf gegen den Terror stehen. (tso/dpa)

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