Politik : Gott der Vernunft

In Paris wiederholte der Papst seine Positionen der Regensburger Rede – aber ohne Abgrenzung zum Islam

Claudia Keller

Diesmal habe der Papst Berater über sein Manuskript schauen lassen, heißt es im Vatikan. Und zwar bevor er am Freitag in Paris in einer „Grundsatzrede“ zum Verhältnis von Religion und Kultur Stellung bezog. Eine ähnlich grundsätzliche Rede, die Benedikt XVI. auf den Tag genau zwei Jahre zuvor in Regensburg gehalten hatte, bekamen die Berater erst hinterher zu sehen. Da aber war die diplomatische Katastrophe schon passiert. Weltweit reagierten Muslime entsetzt und wütend, weil der Papst in seiner Rede ein Mohammed-Zitat missverständlich gebraucht und unterstellt hatte, der Gott der Muslime sei ein Willkür-Gott, der Vernunft nicht zugänglich. In arabischen Ländern brannten Papst-Puppen, eine Nonne wurde ermordet.

Diesmal wird es keine Entrüstung geben, der Papst legte seine Grundsätze diesmal dar ohne Abgrenzung zum Islam, ohne Mohammed-Zitat. Nach seiner Rede schüttelte Benedikt in Paris stattdessen Vertretern muslimischer Gemeinden Frankreichs die Hände. Der Vatikan hat in den vergangenen zwei Jahren dazu gelernt, der Papst ist nun umgeben von Beratern, die sich mit dem Islam besser auskennen; auch hat es als Reaktion auf die Regensburger Rede Begegnungen und Austausch mit den führenden geistlichen Oberhäuptern des Islam gegeben.

Im Grunde aber hat Benedikt XVI. in Paris lediglich seine aus Regensburg bekannten Positionen wiederholt. Auch in Paris ging es ihm um die Verankerung des christlichen Glaubens in der Vernunft und die Verwurzelung der abendländischen Kultur im christlichen Glauben. Die abendländische Kunst und Kultur sei entstanden aus der Suche nach Gott, aus der Liturgie der Mönche, „aus dem inneren Anspruch des Redens mit Gott und des Singens von Gott“. Der christliche Glaube aber sei von Anfang an die Vernunft, an das Wort gebunden.

Benedikt warb in Paris dafür, dass die Heiligen Schriften immer wieder neu interpretiert werden müssten, was „eine immer neue Herausforderung an jede Generation ist“. Die Vielfalt und die „verschiedenen Sinndimensionen“ der Bibel würden „all das ausschließen, was man heute Fundamentalismus nennt“. „Das Wort Gottes ist nie einfach schon in der reinen Wörtlichkeit des Textes da.“ Damit wandte sich der Papst sowohl gegen die fundamentalistischen Bibeltreuen in den eigenen christlichen Reihen, die sich vor allem in Afrika und Lateinamerika steigender Beliebtheit erfreuen; damit wandte er sich – diesmal indirekt – aber auch gegen die Mehrheit der sunnitischen Muslime, die den Koran als unhinterfragbares Wort Gottes lesen.

Ähnlich verheerend wie der fundamentalistische Fanatismus ist für den Papst die „subjektive Willkür“ und ein Freiheitsbegriff, der keine „Bindung“ kennt. „Bindungslosigkeit und Willkür sind nicht Freiheit, sondern deren Zerstörung“, sagte er am Freitag. Die einzige Bindung, die der Papst gelten lässt, was die Freiheit der Wissenschaft, der Kunst als auch die persönliche Freiheit angeht, ist die Bindung an den christlichen Gott. Benedikt XVI. ist freilich zu klug, um Kunst, die sich nicht auf den christlichen Glauben bezieht, als „entartet“ zu beschimpfen, wie es der Kölner Kardinal Joachim Meisner vergangenes Jahr tat anlässlich eines von Gerhard Richter geschaffenen Fensters für den Kölner Dom. Im Grunde sind sich Meisner und der Papst da aber einig.

Viel hat Benedikt XVI. am Freitag über die Wurzeln der europäischen Kultur gesagt, wenig über die Zukunft. Ein Europa, in dem auch Muslime zuhause sind, scheint für ihn undenkbar.

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