• Gotteskrieger mit langem Atem - ein Ende der Kämpfe zwischen Russen und den Rebellen in Dagestan ist nicht abzusehen

Politik : Gotteskrieger mit langem Atem - ein Ende der Kämpfe zwischen Russen und den Rebellen in Dagestan ist nicht abzusehen

Elke Windisch

Moskaus Siegesmeldungen der vorletzten Woche, wonach die Islamisten in Dagestan vollständig aufgerieben wurden, waren ebenso voreilig wie die Behauptung, Russlands Grenze zu Tschetschenien sei hermetisch abgeriegelt. Am Wochenende besetzten mehrere Tausend Gotteskrieger erneut Dörfer in insgesamt vier Kreisen Dagestans, und bei einem Terroranschlag auf die Wohnsiedlung russischer Offiziersfamilien in Buinaksk am Sonnabend kamen nach offizieller Darstellung bisher 64 Menschen ums Leben. Weitere 146 wurden schwer verletzt.

Ein Ende ist nicht abzusehen. Anders als bei den Kämpfen Anfang August im Südwesten Dagestans, können die Regierungstruppen bei der neuerlichen Offensive der Islamisten nur sehr bedingt auf Unterstützung der einheimischen Bevölkerung hoffen. Die schwersten Kämpfe toben gegenwärtig im Kreis Nowolaksk, der bis 1944 vor allem von Tschetschenen bewohnt wurde, die sich in Dagestan Akkiner nennen. Nach deren Deportation siedelte Stalin in ihren Dörfern Laken an - ein Bergvolk, das etwa 5 Prozent der dagestanischen Gesamtbevölkerung ausmacht.

Nach ihrer Rückkehr 1957 wurden die Akkiner in der Ebene um Chassawjurt, der drittgrößten Stadt Dagestans angesiedelt. Zwar sagte die dagestanische Regierung ihnen Anfang der neunziger Jahre die Rückkehr in ihr einstiges Siedlungsgebiet zu, erfüllt wurde das Versprechen aber nicht. Mitte der Neunziger besetzten die Akkiner daher einige der strittigen Dörfer gewaltsam und erhoffen sich nun Beistand von den Kämpfern der Islamisten, die mehrheitlich Tschetschenen sind. Sie haben die besetzten Bergdörfer, die durch ihre natürlichen Gegebenheiten für die Regierungstruppen ohnehin nur schwer zu nehmen sind, durch perfekte Befestigungen inzwischen für eine längere Belagerung bestens vorbereitet.

Politiker wie Generäle, höhnt die Moskauer Tageszeitung "Kommersant", müssten sich fragen lassen, ob sie nicht ihren Beruf verfehlt haben. Zu Recht: Den bestens bewaffneten und hoch motivierten Islamisten, deren militärischer Führer der tschetschenische Terrorist Schamil Bassajew ist, standen zunächst nur lokale Polizei und ein paar Dutzend Freiwillige gegenüber. Als die Regierungstruppen endlich mit Panzerfahrzeugen anrückten, wurden sie von den Angreifern, die sich inzwischen auf strategisch wichtigen Höhen eingegraben hatten, mit schwerer Artillerie und Granatwerfern mehrfach zum Rückzug gezwungen. Dabei hatte Bassajew schon Ende August, als die Islamisten von den Regierungstruppen nach Tschetschenien abgedrängt wurden, mit einer neuen Offensive gedroht.

Angesichts militärischer Misserfolge der Zentralregierung aber gab die schwache dagestanische Regierung zunächst trotz des Protests von Mufti Rawil Gainuddin - des geistlichen Führers aller Muslime der Russischen Föderation - Forderungen nach Selbstbewaffnung nach. Damit legalisierten die nationalistischen Strömungen der größeren dagestanischen Völker vor allem ihren illegalen Waffenbesitz und befahlen jetzt die allgemeine Mobilmachung.

Mit militärischen Mitteln ist dem Problem jedoch nicht beizukommen. Experten, wie Ex-Präsidentenberater Emil Pain sind sich einig, dass Moskau sich im Kaukasus nur dann Ruhe verschaffen kann, wenn es seine Beziehungen zu Tschetschenien normalisiert. Weil Russland keine wirtschaftlichen Druckmittel hat, um Tschetschenenpräsident Aslan Maschadow zu einer härteren Gangart gegenüber den Extremisten zu bewegen, meint Pain, dass sich Boris Jelzin schleunigst mit Maschadow über eine gemeinsame Kontrolle der tschetschenisch-dagestanischen Grenze verständigen müsse und dazu seinen letzten politischen Trumpf ausspiele: Moskau selbst, so Pain, müsse Maschadow vorschlagen, den "Prozess der politischen Loslösung Tschetscheniens zu beginnen, um nicht irgendwann dessen Unabhängigkeit anerkennen zu müssen".

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