Politik : Große Koalition für längere Arbeitszeit

Politiker von SPD und Union fordern bis zu 45 Wochenstunden / Wirtschaft lobt, Gewerkschaften protestieren

Robert Birnbaum,Cordula Eubel

Berlin. Zwischen Union und SPD deutet sich ein Bündnis für längere Arbeitszeiten an. „Das Thema darf nicht tabu sein, wenn wir mehr Wachstum schaffen wollen“, sagte der SPD-Wirtschaftsexperte Rainer Wend dem Tagesspiegel. Der CDU-Mittelstandspolitiker Hartmut Schauerte sagte, Mehrarbeit ohne Lohnausgleich sei im Vergleich zu Lohnverzicht oder gar Entlassungen „die humanere Lösung“. CDU-Chefin Angela Merkel hatte kürzlich eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit angeregt. Während die Gewerkschaften empört reagierten, begrüßten die Wirtschaftsverbände die parteienübergreifende politische Initiative.

Von Robert Birnbaum

und Cordula Eubel

Wend sieht allerdings in der SPD-Fraktion derzeit „noch keine breite Debatte“ über längere Arbeitszeiten. Für ihn besteht die Priorität nicht darin, Feiertage zu opfern. „Wir brauchen mehr atmende Tarifverträge, die auch Arbeitszeiten von bis zu 45 Stunden pro Woche zulassen“, forderte Wend mit Blick auf die Gewerkschaften. Die flexiblen Tarifverträge, die es in einigen Branchen bereits gebe, „müssen flächendeckend angewendet werden.“

Schauerte sagte dem Tagesspiegel, die Hoffnung habe sich als trügerisch erwiesen, die Arbeitslosigkeit mit Arbeitszeitverkürzung bekämpfen zu können. Mehrarbeit ohne Lohnausgleich hingegen könne Wachstum erzeugen. Branchen, die im globalen Wettbewerb stünden, könnten so konkurrenzfähig bleiben. Die CDU-Mittelständler fordern zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche und den Verzicht auf einen Feiertag. CSU-Generalsekretär Markus Söder forderte im „Münchner Merkur“, die Arbeitszeit um eine halbe Stunde am Tag zu erhöhen.

Die Wirtschaft begrüßte den Vorstoß: „Arbeitszeitverkürzungen sind nur kurzfristige Defensivstrategien. Ein echter Ausweg aus der heutigen Misere sind längere und flexiblere Arbeitszeiten“, sagte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, dem Tagesspiegel. Die Wettbewerbsposition der Unternehmen würde sich spürbar verbessern.

Die Gewerkschaften protestierten: Die Politik solle sich „nicht in das Tarifgeschäft einmischen“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Heinz Putzhammer. Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz mahnte zur Gelassenheit: „Die Welt geht ja nicht unter, wenn wir eine Stunde in der Woche länger arbeiten“, sagte er der „Saarbrücker Zeitung“.

Deutsche Telekom und Opel erwägen dagegen, die Arbeitszeit ihrer Belegschaft zu verkürzen, um Entlassungen zu vermeiden. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) begrüßte das. „Jede Arbeitszeitgestaltung, die Entlassungen verhindert und zu Neueinstellungen führt, ist ein Fortschritt“, sagte er.

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