Politik : Große Symbole, sparsame Gesten

Bundespräsident Horst Köhler wirkt neben Chirac und Kwasniewski ein wenig schüchtern – wird das sein persönlicher Stil?

Christoph von Marschall[Paris/Warschau]

Deutschland, dieses satte Land, tritt jung und unverbraucht auf. Die Etablierten, das sind plötzlich die anderen. Zum Beispiel der braun gebrannte, vor lauter Routine kaum zu bremsende Pole Aleksander Kwasniewski am Donnerstag in Warschau. Oder am Freitag der selbstbewusste, nicht minder solargebräunte Jacques Chirac in Paris, beide im Zenit ihrer Amtszeit. Neben ihnen wirkt Horst Köhlers Gesichtsfarbe etwas blass – und er selbst ein bisschen schüchtern. Ein Neuer im Revier von Platzhirschen.

Chirac begrüßt den „Neuen“ mit militärischem Zeremoniell im Ehrenhof des Elysée-Palastes, aber alles wirkt arbeitsmäßig kühl und weniger herzlich als in Polen. Hat man sich geärgert, dass der erste Besuch Warschau galt? Köhler lobt demonstrativ die engen deutsch-französischen Beziehungen: „ein Glücksfall“. Noch geht er sparsam mit seiner Körpersprache um. Er wirkt weniger präsidial als Chirac, der die ganzen 1,90 Meter seines Körpers einsetzt, um seine Worte zu unterstreichen. Auch Polens Präsident Kwasniewski untermalt bei der Pressekonferenz seine Argumentation, etwa zu Entschädigungsklagen deutscher Vertriebener, mit ausholenden Armbewegungen. Köhler benutzt seine Hände nur zaghaft. Wird das Amt seine Gestik verändern – oder bleibt das sein persönlicher Stil?

Seine natürliche, unverbrauchte Art hat auch ihren Charme, nimmt viele für ihn ein. Als Gastgeschenk hatte Köhler dem Sportfan Kwasniewski einen EM-Fußball mitgebracht – den die beiden im Präsidialpalast gleich ausprobierten. Nicht nur die deutschen, auch polnische Zeitungen bringen das Bild der fußballspielenden Präsidenten vor barockem Mobiliar auf dem Titel der Freitagsausgaben. Da wirkt Köhler wie ein großer Junge. Ebenso, als er sich im Artushof, der gotischen Prachthalle der Danziger Kaufleute, ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hat – mit einem Dank an die antikommunistische Gewerkschaft Solidarnosc, die Polen Freiheit und Demokratie brachte, deren Freiheitskampf aber auch den Weg zur deutschen Einheit öffnete: Nun soll Köhler vor laufenden Kameras ein paar spontane Eindrücke schildern. Sein Blick wandert auf der Suche nach den richtigen Worten mitunter zur Decke.

So schrecklich viel kann er von Warschau und von der Danziger Innenstadt, dem Langen Markt, den Kaufmannshäusern nicht gesehen haben – eingekeilt im Pulk der Sicherheitsleute und der Delegation, umgeben von Schaulustigen. Auch da blieb nur der Blick nach oben, auf den schlanken, backsteinroten Rathausturm, und auf die Stelzenläufer in historischen Kostümen, die vorneweg ziehen und so Reklame für das Danziger Festival der Straßentheater machen.

Später, auf der Bootsfahrt über die Mottlau zur Westerplatte – ohne Medientross – ist der Blick frei: auf die still ruhenden Anlagen der Lenin-Werft, wo 1980 die Solidarnosc entstand. Konzentriert lauscht Köhler dem Bericht des Danziger Bürgermeisters über die Suche nach Investoren, als wolle er alle neuen Informationen wie ein Schwamm aufsaugen. Er ist gerührt, als hohe Militärs an Bord von der neuen Kooperation mit der Bundesmarine erzählen. Ein kühler Abendwind kommt auf, Köhler legt seiner Frau zärtlich einen der bereitliegenden schwarzen Wettermäntel mit Pelzkragen um die Schultern und zieht selbst einen über. „Polnische Kriegsmarine“ steht breit auf seinem Rücken, als der Bundespräsident den Ort erreicht, an dem der Zweite Weltkrieg begann: mit den Schüssen der „Schleswig-Holstein“ auf das polnische Munitionsdepot.

Der Schritt der Kranzträger auf dem Weg zum Denkmal – einem monumentalen, in den Boden gerammten Schwert mit der Aufschrift „Nie wieder Krieg“ – kommt Köhler unnatürlich langsam vor. Bewegt, aber entschlossen, nimmt er die letzten 14 Stufen allein. Der Wind lässt seine Hosenbeine flattern. Für einen Moment versucht er, die schwarz-rot-goldenen Schleifen glatt zu ziehen. Vielleicht sollte man sich gar nicht wünschen, dass dieser Präsident rasch Routine gewinnt.

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