Politik : Grünen-Parteitag: Zum Pflügen nach Baden-Württemberg

Reiner Ruf

Wie stellt man sich einen wichtigen Politiker vor? Einen wie Rezzo Schlauch, Vorsitzender der Bundestagstagsfraktion der Grünen. Der, wenn die Zeit reif ist für eine Entscheidung, am Handy Ja oder Nein sagt. Einer, der mit dem Kanzler kann. Einen der dauernd unterwegs ist, ob im Wahlkampf oder auf dem Weg zum Grünen-Parteitag nach Stuttgart.

Rastlos pflügt Rezzo Schlauch durchs Land. Tag für Tag. "Das, was wir in Berlin können, können wir als Grüne in Baden-Württemberg schon lang." Fast könnte man vergessen, dass der Grünen-Spitzenkandidat Dieter Salomon heißt. Was aber treibt Schlauch an? Er hat Baden-Württemberg doch schon lange den Rücken gekehrt. Will er was werden in einer nicht mehr ganz so utopisch erscheinenden Ampelkoalition? "Ich schließe nichts aus", sagt Rezzo Schlauch. Aber das sind die üblichen Zocker-Sprüche der Politiker: Lasse dir niemals in die Karten schauen.

Schlauch sagt auch: "Mein Herz hängt an diesem Land." Vor allem aber hängt von der Wahl am 25. März eine ganze Menge für die Grünen ab. 13 Landtagswahlen haben sie verloren. Wo sollen wir, fragen die Grünen, diesen Trend stoppen, wenn nicht im Südwesten, wo die Partei 1996 auf 12,1 Prozent kam. Im selben Jahr machte Rezzo Schlauch der CDU mächtig Dampf, als er bei der Stuttgarter Oberbürgermeister-Wahl fast 40 Prozent holte und die SPD deklassierte. Nicht wenige Grüne im Land zeigten anschließend deutliche Anzeichen von Größenwahn. Jetzt steckt ihnen der Kater in den Knochen. Von Baden-Württemberg erhoffen sich die Bundes-Grünen die Trendwende.

Ach, tut das gut, wenn man von einem wie Reinhold Messner gelobt wird, dem Bergfex, der für die Grünen im Europaparlament sitzt. Der Atomausstieg sei ein "großartiger Erfolg", urteilt der Südtiroler bei einem Wahltermin in Stuttgart. "Wo ist er sonst gelungen?" Schlauch nutzt die Vorlage, um die Vorzüge des Kompromisses in der Demokratie zu preisen. Die Passage gehört zu seinem Standard-Repertoire: Dass in Deutschland bei Kompromiss immer "fauler Kompromiss" gedacht werde. In Deutschland? Vor allem zielt er auf Kritiker in den eigenen Reihen. Schlauch ist bergsteigerisch nicht ambitioniert, aber nicht ohne Erfahrung. "Einen Dreitausender kriege ich schon hin", sagt er. Auf Nachfrage fällt ihm der "Tschigat" ein. Der gehört zur Texelgruppe bei Meran, ist 2998 Meter hoch und laut Bergwanderbuch "mäßig schwierig".

Die Frage ist noch offen: Wie stellt man sich einen wichtigen Politiker vor? Rezzo Schlauch im Reichstag am Telefon, draußen summt bereits der Motor der Dienstlimousine, die Leibwächter fingern nervös an ihren Sonnenbrillen. Ist es so? Falsch, ganz falsch. Im Landtagswahlkampf sitzt Rezzo Schlauch im gemieteten Opel Astra - und zwar am Steuer. Ein Automatik, immerhin. Mehr Luxus ist nicht. Er ist auf dem Weg. Der Opel steht in Bissingen quer über die Fahrbahnbreite, Schlauch kurbelt am Lenkrad und schreit: "Das ist alles Kappes, wir müssen zurück." Sein Mitarbeiter auf dem Beifahrersitz hängt am Handy und bittet ortskundige Parteifreunde um Wegweisung. Was nicht ganz einfach ist bei der Geräuschkulisse. Aber jetzt ist er da und betritt die Parteitagshalle, um seine neue Parteivorsitzende Claudia Roth zu wählen.

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