Politik : Guben und Gubin - auf den ersten Blick trennt die beiden Städte nur ein Buchstabe

Frank Rothe

Aber auf der einen Seite der Neiße haben die Menschen mehr als auf der anderen. Das schafft böses BlutFrank Rothe

Es regnet auf beiden Seiten. In Guben und Gubin. Die Sonne passt hier nicht her. Vorige Woche starb ein Deutscher an den Folgen schwerer Kopfverletzungen im Gubiner Krankenhaus. Polnische Jugendliche hatten ihn zusammengeschlagen. Nahe der Grenze. Sie hatten dem Deutschen die Einkaufstüten geraubt, die Zigaretten und den Alkohol. Vielleicht hat er sich gewehrt, und dann ist es passiert. Ein Baseballschläger soll eine Rolle gespielt haben und Hass auf die "von drüben". Weil sie mehr haben als die von hier. Die "von drüben", die kommen nach Gubin, weil die "von hier" weniger haben und billiger verkaufen müssen. Andere Gründe gibt es nicht. Die Welt in Gubin ist schwarzweiß. Nur das Wasser der Neiße ist grauschwarz.

Alle in Gubin wissen, dass der Deutsche tot ist. Doch in ein paar Tagen wird hier auf dem Marktplatz von Gubin niemand mehr über ihn reden. Weil wieder etwas anderes passiert ist, und weil jeder mit sich selbst genug zu tun hat. Es gilt als gefährlich, zu Fuß vom Markt zur Grenzbrücke über die Neiße zu gehen. Besonders am Abend. Es gibt nur wenig Licht. "Die Jugendlichen sind unberechenbar, weil sie mit aller Macht zu Geld kommen wollen", sagt Johann Ruso (Name geändert). Dem 29-jährigen Gubiner bot man vor wenigen Tagen Zigaretten zum halben Einkaufspreis an. Als er fragte, wieso die so billig seien, sagte der Verkäufer: "Ist doch klar. Die haben wir den Deutschen abgenommen." Er sagte das so, als wüsste jeder, woher die Ware kommt. Und es weiß auch jeder. Jedenfalls hier in Gubin.

Der Fluss Neiße teilt Gubin und Guben. Seit 1945 gehört die eine Seite zu Polen, die andere zu Deutschland. In der Nacht zum 13. Februar starb auf der deutschen Seite Farid Guendol alias Omar Ben Noui. In Guben. Der 28-jährige Algerier verblutete in einem Hausflur der Hugo-Jentsch-Straße im Wohnkomplex 4, dem Neubaugebiet und Problembezirk von Guben. Jugendliche hatten ihn durch die Stadt gejagt. Bei der Flucht schnitt er sich an dem Glas einer Haustür eine Arterie am Bein auf. 15 Minuten lang lag Ben Noui auf den Treppen vor verschlossenen Wohnungstüren, bis er starb. Noch Tage später soll es im Hausflur nach Blut gerochen haben, erzählt ein Mieter. Ein anderer meint, dass man nicht hätte helfen können, da man ja nicht gewusst habe, ob Ben Noui vielleicht HIV-positiv gewesen sei.

Ende November sollten die elf Jugendlichen, die deswegen angeklagt waren, längst verurteilt sein. Doch der Prozess zieht sich in die Länge. Ein Anwalt bemängelte seinen Arbeitsplatz. Zehn Zentimeter zu klein sei er. Ein anderer greift die Sitzordnung im Schwurgerichtssaal an. Tags darauf meint ein Verteidiger, dass er den Angeklagten nicht sehen könne, der 40 Zentimeter vor ihm sitze. Die Gubener interessiert der Prozess nicht mehr. "Ist doch schon lange vorbei", sagt einer. Guben: das ist Frust. Die Stadt sieht graubraun aus, die Fabriken zerfallen, selbst die Pflastersteine scheinen sich nach Sonne zu sehnen.

Kaum einer in Guben mag Menschen, die nicht aus der eigenen Stadt kommen. Weil jeder, der von woanders kommt, ein besseres Leben führt. Die Gubener haben sich in ihrer eigenen Welt vergraben.

In Gubin gibt es über 20 Nachtclubs, die von Polen betrieben werden. Ab und an brennt mal einer aus. Dann, wenn das Schutzgeld 60 Prozent der Einnahmen übersteigt und der Besitzer nicht mehr in der Lage ist, zu zahlen. In den Bordellen, die Namen haben wie "Bellamii", "Venus" und "Paradies", stehen Russen an der Tür. Sie geben den Ton an im Sicherheitsgeschäft. Einige von ihnen nennt man im Ort "Soldati". Auftragskiller. "Die Soldaten führen aus. Jeder, der zuviel über bestimmte illegale Geschäfte weiß, ist gefährdet", sagt Ruso. Die Aktionen der "Soldati" laufen schnell ab. Sie töten das Opfer, machen ein Polaroid-Foto und bringen es dem Auftraggeber.

Johann Ruso hat ein Gesicht wie Pinocchio. Seine Augen liegen in runden tiefen Höhlen. Wenn er lacht, formen seine Wangen einen ovalen Kreis. Ruso arbeitet als Journalist und Dolmetscher. Er ist einer der wenigen Gubiner, die so schnell Deutsch sprechen wie die "von drüben". Was er sich von seiner Zukunft erhofft? "Die richtige Frau, ein Haus, ein großes Vermögen und das passende Auto." Davon träumen die meisten Jugendlichen auf der polnischen Seite. Doch sie sprechen kaum Deutsch, nur wenige haben Arbeit. Und sie sehen die Deutschen, die täglich mit leeren Einkaufstüten rüberkommen und mit vollen nach Hause gehen.

Am 2. Dezember demonstrierten in Guben ein paar hundert Menschen gegen die Schließung der Entbindungsstation im Krankenhaus. Die Demonstration blieb wirkungslos, die Station wurde geschlossen. In Guben werden schon lange nicht mehr als 200 Kinder jährlich geboren. Aber 400 alte Menschen sterben in der gleichen Zeit. Der Lokalzeitung ist die Schließung immerhin die Titelseite wert. Daneben wird über die Eröffnung einer Entziehungsklinik für Alkoholabhängige berichtet.

"Guben ist die toteste Stadt, die es gibt", sagt Adolf Haacker. Er lebt in Guben und arbeitet als Hausmeister im Asylbewerberheim. Haacker löffelt einen Becher Joghurt. Er macht Mittagspause. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er den meterhohen Maschendraht, der die Baracke mit 160 Asylbewerbern umgibt und über den ab und an eine Flasche von außen nach innen fliegt. "Das ist normal und nicht so tragisch", meint Haacker. Der 57-Jährige hat heute eine Jalousie repariert. "Da hat ein Ausländer aus Wut ins Fenster reingehauen", sagt er. "Jeden Tag passiert so etwas."

An der Grenze zu Deutschland bilden polnische Taxis eine unendliche Autokette. Die Fahrer lassen die Motoren laufen, weil es kalt ist um diese Jahreszeit, besonders in der Nähe zur Neiße. Ein Mercedes reiht sich dicht an den anderen. In den nächsten Ortschaften, im polnischen Landesinneren gibt es kaum Mercedes-Taxen. Nur noch Lada oder Polonez. Die Gubiner verdienen besser. Am meisten verdienen sie mit dem Schmuggel von Menschen, die den Traum von Johann Ruso träumen. Den Traum von Haus, Auto, Frau, Glück und viel Sonne. Die Taxifahrer versprechen den Flüchtlingen, sie an der deutschen Grenze abzusetzen. Dann geht es zum Fluss. Auf der anderen Seite steht die Ruine der geschlossenen Wollfabrik von Guben in einem Wald. Kaputte Fenster, grauer Putz. "Dort liegt der Westen. Da müsst ihr hin", sagen sie.

Manchmal fahren sie ihre "Ware", wie sie die Flüchtlinge nennen, auch an einen anderen kleineren Fluß in Gubin, nehmen das Geld und sagen: "Dort auf der anderen Seite stehen die Grenzer. Seht ihr die dort mit den grünen Uniformen und dem grünen VW-Bus? Wenn die weg sind, müsst ihr rennen. Dann seid ihr in Deutschland." Die grünen Grenzer sind Polen in Pfadfinder-Uniformen, die ihren VW-Bus grün angestrichen haben. Sie verschwinden auf ein Zeichen der Taxifahrer - in dem Moment, wenn die ortsunkundigen Flüchtlinge gezahlt haben und den Fluß überqueren. Dass sie auf der anderen Seite immer noch in Polen sind, wissen sie nicht. Bis sie von blau uniformierten polnischen Polizisten aufgegriffen werden. "Schwarze Frauen gehen nach Holland, weiße Frauen nach Hamburg und Berlin. Um die 3000 Mark kostet das", sagt Ruso. Seine Augen bewegen sich schnell hin und her.

Dann verschwindet er in Richtung Marktplatz. Karpfen schwimmen dort in metallenen Badewannen. Das Kilo für fünf Mark. Butter wird aus großen Pappkartons verkauft. "Zigaretki", tönt es aus den Gucklöchern der Buden. Einige Händler sprechen Deutsch und rufen: "Lutscher, Bonbons, Käse." Der Markt ist leer, früh am Morgen. Die guten Zeiten sind vorbei. Die Preise steigen auch in Polen, deutsche Kunden kommen seltener. Die Gewinnspannen schrumpfen, der Frust auf beiden Seiten wächst. Deutsche schimpfen über hohe Preise, Polen darüber, dass die Deutschen viel reicher sind und zugreifen müssten.

David Nicette kommt von den Seychellen und leitet das Gubener und Sembtener Asylbewerberheim. Omar Ben Noui wohnte in Sembten, einem Dorf in der Nähe von Guben, das abends so dunkel ist, dass man den Kontakt mit der eigenen Nasenspitze verliert. Ben Noui fuhr mit dem Bus nach Guben, er wollte ausgehen, tanzen. Der Dunkelheit von Sembten entkommen. David Nicettes Ehefrau Gabi kommt auch aus einem Dorf bei Guben, sie ist bei ihrem Ehemann angestellt. "Der Gubener ist stur und nicht sehr weltoffen", sagt sie. Die 31-jährige Frau ist schlecht gelaunt. Sie will sich von David Nicette, dem Vater ihrer beiden Kinder, trennen. "Meinem Mann reicht eine Frau wohl nicht aus. Ausländer sind eben keine beständigen Menschen", sagt sie.

Wen man auch fragt in Guben. Jeder kommt sofort auf das Thema "Ausländer". Jeder. "Sie kaufen für zwei Mark Strumpfhosen im Supermarkt. Denen muß es ja gut gehen. Sie fahren Autos, die größer sind als unsere. Sie leben von unseren Steuern und müssen nichts dafür tun. Sie haben alle Rechte, aber keine Pflichten, und die Polen arbeiten für zwei Mark die Stunde auf deutscher Seite." Weniger als 800 Ausländer leben in Guben. Die meisten von ihnen in Heimen wie diesem.

Gabi Nicette hätte Guben schon verlassen. Sie ist unglücklich hier, "total unglücklich". Doch sie hat Angst, dass sie es mit ihren zwei Kindern woanders nicht schaffen würde. Ob es nicht irgendetwas Schönes in ihrem Leben gebe? Gabi Nicette schweigt. Lange. "Der Kindergarten, in den meine Tochter geht, ist schön."

Seit den Reformen im Gesundheits- und Versicherungswesen fühlen sich die Polen vom Staat im Stich gelassen. Seit Januar müssen sie für Medikamente und Arztbesuche zahlen. Bei einem Durchschnittseinkommen von 400 Mark sind viele dazu kaum in der Lage. Die Ausgaben steigen, die Einnahmen nicht. Und jeder weiß, dass er nur ein Leben hat, und deshalb soll die Sonne auch für ihn scheinen. Einmal am Tag. Aber in Gubin ist es dunkel.

Die Parkplätze rund um den Marktplatz von Gubin kosten Geld. Schilder weisen darauf hin, dass sie bewacht werden. "Fünf Minuten dauert es, ein Auto aufzubrechen. Die Parkwächter gucken routiniert weg", sagt Ruso. In der letzten Woche wurde vor einem Supermarkt in Gubin ein deutscher Wagen gestohlen. Die Kassiererinnen haben es gesehen. "Die Diebe hatten Pistolen. Deshalb haben wir weggeguckt", sagen sie und geben das auch der Polizei zu Protokoll.



19 000 Einwohner hat Gubin. Fast ein Drittel ist ohne Arbeit. Die Schuhfabrik "Carina", in der einmal zweitausendfünfhundert Menschen beschäftigt waren, ist seit 1996 geschlossen. Die Kleidungsfabrik "Goflan" und der Gerätehersteller "Kromit" auch. "Die Umstrukturierung ist das größte Problem", sagt Wlodo Rogowski, der Bürgermeister. Die Augen des 56-Jährigen fixieren den Besucher. Der Pressereferent hat eine dicke Mappe vorbereitet mit Informationen zum Modellprojekt "Eurostadt Guben-Gubin", das als Projekt der Expo 2000 registriert ist. Zu dem toten Deutschen an der Grenze meint Rogowski, es gebe Vorurteile auf beiden Seiten. Dann sagt er noch, dass man etwas dagegen unternehmen könne. Auf kulturellem Gebiet. Immerhin gebe es schon mit Guben einen gemeinsamen Kulturkalender. Und im nächsten Jahr werde zum 39. Mal ein Frühlingsfest an der Neiße gefeiert. Mehr fällt ihm nicht ein. Rogowski setzt wieder seinen durchdringenden Blick auf. Er weiß, dass er als Bürgermeister repräsentieren muss. Nur womit, weiß er nicht.



Rund 700 Menschen verlassen Guben jährlich. Es sind junge Leute, die es auf der Suche nach Arbeit in die alten Bundesländer zieht. Bürgermeister Gottfried Hain sitzt unruhig auf seinem Stuhl. "Die Zuwanderung liegt weit unter dem Durchschnitt. Wir haben keinen Zuwachs an Arbeitsplätzen. Doch wir werden Guben attraktiver machen", sagt der 43-Jährige. Hain will für das Neubaugebiet werben. Für WK 1, WK 2, 3 und 4, wie die Wohnkomplexe in der Sprache des Kommunalpolitikers heißen. Er stellt sich maßgeschneiderte moderne Wohnungen vor. Die auch noch preiswert seien. Dann zählt er die großen Betriebe des Ortes auf. Jeder Achte in Guben ist ohne Arbeit. Aber Kultur gebe es auch noch. Beim Reden neigt er seinen Kopf zur Seite. Hain ist verlegen, spielt mit seinen Händen. "Guben als registriertes Projekt der Expo ist unser momentanes Highlight. Das kann man ja auch mal sagen", meint er schließlich. In Hains Büro steht eine Gitarre. Manchmal nach der Arbeit setzt sich der gelernte Krankenpfleger hinter seinen Schreibtisch und spielt. Ganz allein, nur für sich.

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