Politik : Gute Zeiten - schlechte Streikzeiten (Kommentar)

Heik Afheldt

Kanzler Gerhard Schröder sieht sich gerne als Mann der Wirtschaft. Manch einen konservativen Sozialdemokraten hat er mit seinen ökonomischen Kenntnissen und Bekenntnissen irritiert. Nun irritiert er auch die Wirtschaft mit einer verblüffenden, von ihm erfundenen Theorie: Es gibt gute und schlechte Zeiten für Streiks. Das ist neu. Optimale Streikfenster im Konjunkturverlauf! Wir wissen nun vom Kanzler, dass der Aufschwung sich für Streiks besonders wenig eignet. Schröders Fallbeispiel: Der drohende Arbeitskampf der ÖTV. Laut Kanzler ist er deswegen von Übel, weil er die gerade so schön anziehende Konjunktur in Deutschland abzuwürgen drohe. Daran ist natürlich etwas Wahres, im Ausmaß abhängig von der Streikstrategie und deren Auswirkungen auf die Private Wirtschaft. Bei den Metallern oder den Chemiearbeitern wären die Streikfolgen womöglich noch viel negativer gewesen.

Also Streiks nur noch im Abschwung? Das kann doch auch nicht wahr sein. Gestreikt wird, wenn höhere Löhne durchgesetzt werden sollen als die öffentlichen Arbeitgeber für verträglich halten und die Unternehmen am Markt durchsetzen können. Lassen sich, wenn die Konjunktur schlecht läuft, demnach höhere Lohnkosten leichter verkraften? Irgend etwas stimmt da nicht. Die Lösung des Rätsels: Streiks sind immer von Übel, egal, ob es mit der Konjunktur gerade aufwärts oder abwärts geht. Sie kosten Wohlstand und führen zu Arbeitslosigkeit. Deshalb gehören sie ins Museum als historisch interessante Streitrituale des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes müssen das erst noch erfahren. Heute, im Zeitalter der Bündnisse und des globalen Wettbewerbs, haftet an Arbeitskämpfen der Muff der alten Zeit. Es gibt keine guten Zeiten für Streiks. Gerhard Schröder müsste das wissen. Warum sagt er es nicht laut und deutlich? Die öffentlich Bediensteten würden diese Botschaft wahrscheinlich bei ihrer Urabstimmung nicht gänzlich überhört haben.

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