Politik : „Gutverdiener stärker beteiligen“

Experte: Rentensystem ist ungerecht

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Glaubt man Ihrer Studie, dann geht die Rente mit 67 am Problem vorbei. Warum?

Unser Rentensystem hat einen schweren Webfehler: Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung wird nicht berücksichtigt. Für Gutverdiener ist unser Rentensystem sehr lukrativ, während die Ärmeren lange einzahlen, aber früher sterben. Sie bekommen also eine geringere Rente und finanzieren durch ihre Beiträge die hohen Bezüge der Einkommensstarken. Diese Umverteilung ist ungerecht.

Wie wollen Sie das ändern?

Die Auszahlungen müssen wieder dem entsprechen, was eingezahlt wird. Ich würde deshalb für Einkommensschwache Freibeträge bei den Rentenbeiträgen einführen. Außerdem würde ich Gutverdiener stärker an der Finanzierung beteiligen. Dafür könnte man die Beitragsbemessungsgrenze erhöhen, ohne dass das zu höheren Renten führt. Das bedeutet: absolut zahlen Geringverdiener etwas weniger als bisher in die Rentenversicherung ein, Gutverdiener dafür etwas mehr. Unterschiedliche Beitragssätze je nach Einkommen lehne ich aber ab, das wäre zu kompliziert.

Ist die Rente mit 67 kein Beitrag zur Sicherung des Rentensystems?

Das Vorziehen der Rente mit 67 ist zum jetzigen Zeitpunkt entweder überflüssig oder nicht besonders sozial. Wenn es gelingt, die Arbeitslosigkeit bei älteren Menschen abzubauen und alle bis 65 arbeiten, brauchen wir die Rente mit 67 nicht, dann bleiben die Beiträge auch so stabil. Wenn es uns nicht gelingt, Ältere in Arbeit zu bringen, ist das für Arbeitslose eine Rentenkürzung. Und für Einkommensschwache, die früher sterben, verkürzt sich die Rentenbezugsdauer.

Sie würden also abwarten, wie sich der Arbeitsmarkt für Ältere entwickelt?

Es wird sehr lange dauern, bis sich die Arbeitsmarktsituation für Ältere deutlich verbessert. Aber wenn man die Rente mit 67 unbedingt machen will, sollte man wenigstens Ausnahmen für körperlich belastende Berufe schaffen.

Schadet die Debatte der SPD im Wahlkampf in den Ländern?

Die Rentendiskussion muss uns nicht unbedingt schaden. Es ist gut, wenn man breit über Inhalte diskutiert.

Wird die Rentendebatte nicht vom Machtgerangel zwischen Parteichef Platzeck und Vizekanzler Müntefering überlagert?

Es wäre falsch, wenn man eine notwendige inhaltliche Debatte nutzt, um Machtfragen zu diskutieren. Die SPD braucht die Freiheit, solche Reformen ausführlich zu diskutieren. Es kann nicht nur darum gehen, Punkte im Koalitionsvertrag abzuhaken. Der ist nämlich keine Bibel.Das Interview führten Cordula Eubel und Stephan Haselberger.

Karl Lauterbach ist SPD-Bundestagsabgeordneter und Gesundheitsexperte. Das Kabinett billigte am Mittwoch ein Gesetz, das für 2006 die dritte Nullrunde in Folge für Rentner vorsieht.

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