Politik : Handschuhtest

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Aus den Protokollen der Ersten Rheinischen Nordpolarexpedition, im kalten Frühjahr 2004:

Leev Fründe,

immer noch sitzen wir, 1999 aufgebrochen, an der südlichen Packeisgrenze fest und kommen nicht weiter. Unseren unfreiwilligen Aufenthalt haben wir indessen nicht ungenutzt verstreichen lassen und uns zwischenzeitlich ein wenig mit den Bräuchen und dem Wesen der hier lebenden Ureinwohner vertraut gemacht. Und wenn es nur diese Kenntnis wäre, die wir aus diesen nördlichen Regionen mit nach Hause bringen werden, hätte es die Mühen gelohnt.

Denn wir stellen fest, dass die bisher zu uns gedrungenen Gerüchte über den wilden Stamm der Berliner keineswegs echter vertiefter Kenntnis entspringen können. Unser Ethnologe Dr. Dr. Mierscheid hat sogar den Verdacht geäußert, die Eingeborenen streuten Falschdarstellungen in die Welt hinaus, um Angreifer abzuschrecken. Was haben wir lesen müssen! Rau und bös seien sie, von Kannibalismus („Berliner Schnauze“) ging die Rede. Und wie zutraulich erweist sich uns in Wahrheit die Bevölkerung! Wir haben erst gerade ein Experiment angestellt. Ein Mitglied unserer Expedition hat auf dem Gepäckträger seines Fahrrads seine Handschuhe liegen lassen. Es war bitter kalt, und nur wenige Einheimische verfügen über wärmende Pelze. Dennoch waren die Handschuhe nach zwei Tagen immer noch da.

Ihr könnt also unbesorgt endlich die Nachschub-Expedition mit dem Kölsch-Fass, dem Karton mit den frostabweisenden Pappnasen und den wärmenden Zipfelmützen die reißende Elbe queren lassen! Wir harren ihrer sehnlich.

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