Politik : Hauptstadtdefizit

Gerd Appenzeller

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Zugegeben – der Ruf des Berliners als Gourmet ist noch nicht so recht gefestigt. Buletten, sauer eingelegte Eier, Salzgurken und Eisbein mit Erbswurst sind durch die Bank eher Indikatoren zähen Lebenswillens als verfeinerten Stiles. Aber wenn der Berliner in sich geht, etwa an besonders schön gelegenen Orten die Aussicht genießt, innerlich weihevoll gestimmt zum Augenblicke sagt: „Verweile doch, du bist so schön“, dann, ja dann ist ihm nach einer Currywurst. Wie anders wäre der bis in die Spitzen des Senates hineinreichende Streit darüber zu erklären, ob auf dem Pariser Platz im Angesicht des Nationalmonumentes Brandenburger Tor eben diese Wurst gebraten werden dürfe. Die Gelüste derjenigen, die sich an den architektonischen Höhepunkten westlich der Ebertstraße erbauen wollen, wurden hingegen noch nie gestillt. Wer zwischen Schweizer Botschaft, Kanzleramt und Reichstag pendelt, bekommt nichts zu essen und zu trinken, es sei denn, er begibt sich zu Käfers auf das Dach des Hohen Hauses, was aber nicht nach jedermanns Geldbeutel ist. Wir erinnern uns, dass in Bonn, vor dem traditionsreichen Gebäude des Bundestages, ein Kiosk Rundumbetreuung bot, von der Zeitung bis zu Wurst und Bier. Wir bitten um Errichtung eines ähnlichen Bauwerkes in Sichtweite des Parlamentes, zwecks Behebung eines Hauptstadtdefizites. Gerd Appenzeller

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