Politik : Hausarzt gesucht

Rainer Woratschka

Vor starken Worten hat Manfred Richter-Reichhelm offenbar keine Scheu. Den Deutschen, so der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), drohe ein "dramatischer Ärztemangel". Die hausärztliche Versorgung in den neuen Bundesländern stehe "vor dem Kollaps", wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden. Und "erschreckend" sei, wie viele Ärzte sich nach abgeschlossenem Medizinstudium nicht etwa in Praxis oder Krankenhaus, sondern in ganz anderen Berufen versuchten.

Die Zahlen klingen in der Tat besorgniserregend. Bei 50 Jahren liegt, einer neuen KBV-Studie zufolge, in Deutschland inzwischen das Durchschnittsalter niedergelassener Ärzte. Gerade einmal 18,8 Prozent sind unter 35, vor zehn Jahren waren es noch mehr als 27 Prozent. Die Absolventenzahlen in der Humanmedizin sanken in sechs Jahren um 23 Prozent. 2400 Medizinstudenten brechen pro Jahr ihr Studium ab. Die Zahl der Ärzte im Praktikum sank seit 1994 um ein Viertel, die der Approbationen um 22 Prozent. Und in den nächsten zehn Jahren, so die Studie, gingen 35 bis 40 Prozent aller ostdeutschen Hausärzte in den Ruhestand. "Die verbleibenden Ärzte", so KBV-Statistiker Thomas Kopetsch, "werden nicht ausreichen, um die hausärztliche Versorgung sicherzustellen."

Vor allem die "bedrohliche Situation" im Osten habe die KBV zu der Studie veranlasst, sagt Richter-Reichhelm. Doch die Offensive dürfte auch politische Hintergründe haben. Angesichts steigender Kassenausgaben ist die ärztliche Versorgung ins Schussfeld geraten. Es fehle an Qualität, nicht an Ärzten, heißt es - womit auch schon mal der Versorgungsauftrag der KBV samt deren Existenzberechtigung in Frage gestellt wird.

Tatsächlich wird sich - so lässt sich der Studie auch entnehmen - die Relation zwischen Einwohnern und Vertragsärzten bis 2010 kaum ändern. Der Grund: Nicht nur die Zahl angehender Mediziner, auch die der Bevölkerung ist rückläufig. Da muss die KBV schon medizinischen Fortschritt und den wachsenden Anteil älterer Menschen ins Feld führen, um die "zwingende Notwendigkeit" von mehr Ärzten zu begründen.

Dem Institut der deutschen Wirtschaft zufolge sind die Deutschen gut mit Ärzten versorgt. Im Schnitt kümmern sich hierzulande 36 Mediziner um 10 000 Einwohner; EU-weit liegen nur Italien, Griechenland und Belgien darüber. Der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte spricht sogar rundheraus von "Überversorgung, die behoben werden muss", beschränkt dies allerdings auf Fachärzte. "Obwohl die Arztdichte grotesk hoch ist", so der Berliner Vize-Vorsitzende Daniel Rühmkorf gegenüber dem Tagesspiegel, fehle es zunehmend an Hausärzten.

Dass es hier einer "Umschichtung" bedarf, räumt auch die KBV ein. Seit 1980 stieg der Anteil der Fachärzte von 35 auf 47,8 Prozent. Und mit den Fachärzten stiegen die Kosten.

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