Politik : Hausente unter falschem Verdacht

Seehofer gibt Entwarnung: Virus nicht in Nutzgeflügel / Vogelgrippe wandert Richtung Schleswig-Holstein

Rainer Woratschka

Berlin/Schwerin - Es wäre die nächste Eskalationsstufe gewesen, aber der Verdacht hat sich dann doch nicht erhärtet: Erstmals stand auf Rügen eine deutsche Hausente unter dem Verdacht, mit dem Vogelgrippeerreger H5N1 infiziert zu sein. Am späten Nachmittag gab Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) höchstselbst Entwarnung. Allerdings rückte die Tierseuche am Donnerstag mit einem Fall in der Wismarer Bucht bereits bedenklich nahe an ein zweites Bundesland: Schleswig-Holstein.

Nach Angaben der Schweriner Regierung handelt es sich bei dem siebten von sechs neuen Vogelgrippe-Opfern um eine Reiherente auf der Insel Walfisch. Der Fundort liegt 100 Kilometer südwestlich von Rügen. Die anderen infizierten Tiere wurden von der Insel Rügen gemeldet. Ihre Gesamtzahl stieg damit auf 110.

Niedersachsen, das Bundesland mit den größten Geflügelbeständen, baut jetzt schon vor – und zwar ein bundesweit einsetzbares Krisenzentrum. Weil die anderen Länder ebenfalls Zugriff darauf haben und das Containerdorf per Lastwagen jederzeit in ihr Krisengebiet transportieren können, beteiligen sie sich auch an den Kosten von rund drei Millionen Euro. Dass das Zentrum erst im November funktionstüchtig sein wird, findet Agrarminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) nicht weiter schlimm. Auch Seehofer rechnet damit, dass die Vogelgrippe Deutschland noch länger beschäftigen wird. Darum müsse auch gefragt werden, ob es Alternativen zum Aufstallen und Töten von Tieren gebe, sagte der CSU-Politiker nach einem Besuch des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems. Das Institut habe empfohlen, über die Entwicklung einer Impfstrategie nachzudenken. Dies sei aber nur in einem sehr begrenzten Rahmen möglich, sagte Seehofer.

Bei einer Sondersitzung der Gesundheitsminister der Länder einigten sich diese darauf, die Vorräte an antiviralen Medikamenten für den Fall einer Pandemie auf 20 Prozent aufzustocken, wie es das Robert-Koch-Institut seit Monaten empfohlen hat. Bis auf Nordrhein-Westfalen müssen alle Bundesländer nun die Medikamente Tamiflu und Relenza nachordern. Beim bisherigen Preis von 18 Euro pro Packung kämen auf die Länder Kosten von 180 Millionen Euro zu. Der Vorsitzende der Ministerkonferenz, Gerry Kley (FDP) aus Sachsen-Anhalt, wollte zu den Kosten allerdings nichts sagen. Die Kosten für die Vorratshaltung tragen weiter die Länder, sollten die Medikamente jedoch im Krisenfall tatsächlich verschrieben werden, müssten die Krankenkassen für die Arzneien selbst bezahlen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) lobte die Beschlüsse der Konferenz und sagte: „Wir wären alle sehr zufrieden, wenn die Finanzierung bei den Ländern bleiben würde.“ Den besten Schutz vor einem Erreger, der von Mensch zu Mensch übertragen werden und eine Pandemie auslösen könnte, wäre aber eine Impfung der gesamten Bevölkerung, sagte sie. Der Bund hat zwei Mal 80 Millionen Impfdosen bestellt. Allerdings werde es rund sechs Monate dauern, bis der Impfstoff nach der Indentifizierung eines solchen Virus entwickelt und ausgeliefert wäre.

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