Politik : Helmut Kohl: Was wir vergessen, das war nicht

Robert Birnbaum

Manchmal schließt sich ein Kreis. Dabei ist es der pure Zufall, dass die Bundesmitgliederversammlung der "Lesben und Schwulen in der Union" (LSU) ausgerechnet an diesem Wochenende stattgefunden hat. Jedenfalls ist es nicht das Ergebnis einer raffinierten Terminplanung. Obwohl man es gut dafür halten könnte. Als Angela Merkel vor zwei Jahren gerade Generalsekretärin der CDU geworden war, hat sie sich schon mal mit den Leuten von der LSU getroffen. Das hat damals einiges Aufsehen erregt, weil es als ein erstes Signal verstanden wurde, dass die CDU vielleicht doch ein bisschen anders werden würde. Dann kamen die bekannten Ereignisse.

Angela Merkel hat sich in den ersten Monaten im neuen Amt erkennbar darauf konzentriert, das Misstrauen der Konservativen in der eigenen Partei zu zerstreuen. Und jetzt also spricht die CDU-Vorsitzende vor den Mitgliedern dieser Vereinigung. Spricht und erläutert, dass und warum für die CDU eine Ehe für Homosexuelle nicht in Frage kommt. Das sehen die Unionsschwulen und Unionslesben natürlich anders. Aber egal: "Immerhin reden sie jetzt mit uns", sagt einer. Ein zweites Signal also? Man könnte es dafür halten.

Dass Helmut Kohl an diesem Montag zum ersten Mal seit gut einem Jahr wieder in eine Sitzung der CDU/CSU-Fraktion kommt, ist wiederum kein Zufall, sondern Ergebnis einer Terminplanung, von der sich noch zeigen muss, ob sie raffiniert ist oder nicht. Friedrich Merz hat den Altkanzler eingeladen. Jetzt, nach der Sommerpause, lange genug nach der Vernehmung des Zeugen Kohl im Parteispendenausschuss, lange genug vor dem zehnten Jahrestag der deutschen Einheit, jetzt wäre doch ein guter Moment für ein bisschen Rückkehr zur Normalität, hat sich der Fraktionschef gedacht. Wieder ein Kreis, der sich schließen könnte.

"Normalität" übrigens ist die Sprachregelung in der neuen CDU-Führung für den Vorgang. Richtig normal ist der natürlich nicht, was man schon daran erkennt, dass auf Merkel bei den Schwulen und Lesben in Wannsee lauter Kamerateams warten, die sich für die Familien- und Ehepolitik der CDU eher am Rande interessieren, dafür aber um so mehr für die Frage: "Was sagen Sie dazu, dass Helmut Kohl wieder in die Fraktion kommt?" Das sei, sagt die CDU-Vorsitzende erwartungsgemäß, ein Stück Rückkehr zur Normalität. Kohl, Helmut, Landesliste Rheinland-Pfalz, ist schließlich Abgeordneter des Deutschen Bundestages; und Fraktionsgeschäftsführer Hans-Peter Repnik hat gerade erst alle Kollegen daran erinnert, dass in der Haushaltswoche Präsenzpflicht herrscht.

Aber "normal"? "Solange Kohl nicht da war, hat jeder herumspekuliert: Kommt er, wann kommt er, wo wird er sitzen?" beschreibt einer aus der neuen CDU-Führung die Motivlage. Man darf getrost hinzufügen: "Und kein Schwein interessiert sich für das, was in der CDU sonst noch los ist." Vor gut einer Woche zum Beispiel hat die Parteichefin in einer Zeitung einen größeren Grundsatzartikel veröffentlicht, von dem fast niemand Kenntnis genommen hat. Aber wenn der Abgeordnete Kohl, Helmut, einen Termin zur Einsichtnahme in seine Stasi-Akten auf zunächst einmal unbestimmte Zeit verschiebt, oder wenn der Abgeordnete Kohl, Helmut, einer Einladung seines alten Weggefährten Hans-Dietrich Genscher folgt und am Dienstag bei einer FDP-Veranstaltung zur deutschen Einheit sprechen will - dann wandert das auf die vorderen Seiten der Zeitungen.

Das ist ein Platz, auf dem die CDU in diesem Sommer ansonsten nur mit Negativ-Schlagzeilen zu finden war: immer Neues aus dem hessischen Spendensumpf. Was insofern wieder etwas mit Kohl zu tun hat, als auf Roland Koch die Hoffnungen der Kohlianer ruhen, dass doch noch einmal einer der Ihren die CDU zu alter Größe und Herrlichkeit zurückführen könnte. Und insofern hat das auch etwas mit Merkel zu tun, als die alte Garde sehr misstrauisch registriert, wie intensiv die Solidaritätsbekundungen aus Berlin für die Parteifreunde in Wiesbaden ausfallen.

Was man dagegen machen kann, dass aus der Rückkehr zur Sachauseinandersetzung mit der rot-grünen Regierung nach wie vor so recht nichts geworden ist, darüber sind sie sich übrigens in der Unionsführung nicht ganz einig. Eine Sommerkampagne aus dem Adenauer-Haus hat es nicht gegeben. Der Generalsekretär Ruprecht Polenz, heißt es, arbeite sich noch ein. So etwas dauert offenbar. Aus München hingegen grollt es immer mal wieder: "Mehr Angriff" - woraufhin sich Merkel genötigt sieht, bei der Klausur der Fraktionsspitze vor einigen Tagen alle Kritiker zu ermahnen, sie möchten bitte mit ihr telefonieren und nicht mit der Presse. Eine, wie die Erfahrung zeigt, eher nutzlose Aufforderung.

Auch einer wie Heiner Geißler empfiehlt ja "richtig Streit" mit dem Kanzler Schröder und seinem Kabinett. Nur wie? Und wo? Und wer? Ökosteuer, klar: Das wäre keine Opposition, die sich die Chance entgehen ließe, den Groll des Autofahrers beim Blick auf die Tankrechnung zu schüren. Das wäre auch keine Opposition, die nicht den Absturz des Euro der Regierung anlasten würde - nebenbei: ein schönes Thema für den Abgeordneten Kohl, Helmut ("Deutsche Einheit und europäische Einigung sind zwei Seiten einer Medaille").

Aber so weit ist es mit der Normalität nun auch nicht. Also werden am Mittwoch, wenn im Bundestag die Beratung des Kanzler-Haushalts Anlass zur traditionellen Generalabrechnung der Opposition mit der Regierung bietet, natürlich der Fraktionschef Merz reden und ebenso natürlich sein CSU-Stellvertreter Michael Glos vorführen, wie der rechte Oppositionston nach bayerischem Geschmack zu klingen hat. Und außerdem haben sie sich überlegt, Günter Nooke ans Pult zu schicken. Der ist zwar auch kein begnadeter Redner, aber dafür waschechter Ossi und soll in dieser Eigenschaft dem Kanzler seine medienwirksame Sommertour durch den Wilden Osten nachträglich ein bisschen vermasseln.

Dass am gleichen Tag Angela Merkel das neue Adenauer-Haus in Tiergarten feierlich seiner Bestimmung übergibt, ist wieder so ein Zufall im Terminkalender. Und eine Gelegenheit für grundsätzliche Anmerkungen der Parteivorsitzenden. Falls sie nicht schon wieder was zu Koch sagen muss oder, zum Beispiel, zu Rita Süssmuth, die tags zuvor ihren Posten als Vorsitzende in der Zuwanderungskommission des SPD-Innenministers Otto Schily antritt.

Oder, wer weiß, zu Kohl? Die Ordner im Reichstag haben für den späteren Montagnachmittag jedenfalls schon das lange Absperrband bereitgelegt, um den Ansturm der Kameras elastisch abzufedern. Da wird er dann also kommen - vielleicht ganz normal durch den Vordereingang, mit dem bekannten spöttisch-missmutigen Seitenblick in die Linsen, oder vielleicht durch den Hintereingang; wird Platz nehmen unter den Rheinland-Pfälzern (nicht oben am Vorstandstisch, wie es für einen Ex-Kanzler normal wäre), wird von Merz namentlich begrüßt werden (nicht zu aufwändig, wegen Normalität) - und dann hoffen sie, dass erst einmal gar nichts passiert mit und um den Abgeordneten Kohl, Helmut. So wie damals, als er wieder in den Bundestag zurückkam: Dieser wird ihm die Hand drücken, jener nicht; danach Übergang zur Tagesordung.

Dann kommen noch all die Veranstaltungen zum Dezennium der Deutschen Einheit, die Debatte mit Kohl und Merkel bei der Adenauer-Stiftung - "so eine Art Paket" an Kohl-Terminen also binnen eines Monats, wie es einer aus dem Führungszirkel formuliert. Und dann, hoffen sie, wird das Paket verschnürt und archiviert, und es wird so sein wie im Plenarsaal, wo die Kameras nur noch gelegentlich auf den Abgeordneten Kohl, Helmut, schwenken.

Und nur manchmal noch, hoffen sie, wird jemand daran erinnern, dass in Wahrheit gar nichts normal ist zwischen Helmut Kohl und der CDU; wird daran erinnern, dass sich dieser Kreis erst schließen wird, wenn irgendwann einmal niemand mehr von der "CDU nach Kohl" redet. Und bis auch keiner mehr etwas Besonderes daran findet, wenn eine CDU-Chefin den eigenen Schwulenverband besucht, nur weil das zu Zeiten des Großen Vorsitzenden ganz und gar tabu war. Aber das kann dauern.

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