Politik : Heraus aus dem Schatten

Jens Glüsing

Wegen seiner bulligen Statur nennen seine Landsleute ihn "den Großkopf": Argentiniens neuer Präsident Eduardo Duhalde, 60, gilt als Dickschädel. Den wird er brauchen, um nicht nur als Fußnote in die Geschichte einzugehen. Denn er ist das fünfte Staatsoberhaupt innerhalb von vier Wochen, das auf dem Präsidentensessel im Regierungssitz Casa Rosada Platz nimmt.

Zum ersten Mal regiert jetzt ein ehemaliger Gouverneur der reichen Provinz Buenos Aires das Land. Duhalde stammt aus Lomas de Zamora im Dunstkreis von Buenos Aires. Dort wurde er 1983 zum Bürgermeister gewählt. Duhalde war zeitlebens Mitglied bei den Peronisten. 1988 gewann Carlos Menem, damals Gouverneur der Provinz La Rioja, Duhalde als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten. Der "Großkopf" verschaffte Menem die nötigen Stimmen in der Hauptstadt. Gemeinsam gelangten sie 1989 an die Macht. Duhalde blieb Vizepräsident bis 1991, als er zum Gouverneur von Buenos Aires gewählt wurde. Er sah die Regierung der wichtigsten Provinz als Sprungbrett bei den Präsidentschaftswahlen 1994, doch sein Ziehvater Carlos Menem wollte selbst noch einmal antreten. Dem verärgerten Duhalde versprach Menem, ihn bei den Wahlen 1999 zu unterstützen. Als Menem versuchte, die Verfassung zu manipulieren, um eine zweite Wiederwahl zu ermöglichen, war sein Verhältnis zu Duhalde zerrüttet. Ohne Menems Hilfe startete Duhalde eine eigene Präsidentschaftskampagne. Er unterlag dem Oppositionskandidaten Fernando de la Rua. Im Oktober vergangenen Jahres wurde Duhalde als Senator in den Kongress gewählt.

Mit Menem verbindet Duhalde bis heute eine Hassliebe. Die Schriftstellerin Olga Wornat, Verfasserin einer nicht autorisierten Biografie über Menem, behauptet, dass Duhalde Menem bewunderte und sich ihm immer unterlegen fühlte. Allerdings war er gegen Menems ultraliberalen Wirtschaftskurs. Innerhalb der Peronisten gilt Duhalde als Vertreter eines populistischen Staatskapitalismus alter Prägung. Wie die meisten peronistischen Caudillos ist auch Duhalde nicht frei von Skandalen. Seine Amtszeit als Gouverneur von Buenos Aires war von Korruptionsvorwürfen und einem Geldwäscheskandal überschattet.

Argentiniens Stabilität hängt jetzt davon ab, ob es dem "Großkopf" gelingt, sich als Chef der Peronisten durchzusetzen. Bislang hat noch jeder peronistische Präsident versucht, seine Amtszeit zu verlängern.

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