Politik : „Herkunft ist gar nicht wichtig“

Eine Unionstagung zu Jugendgewalt hält Abstand zu Kochs Wahlkampf

Andrea Dernbach

Der Vorsitzende bemühte sich gleich zu Anfang um Klärung: „Das ist hier keine Wahlkampfveranstaltung.“ Doch die Wiesbaden-Adresse des CSU-Innenpolitikers Hans-Peter Uhl erwies sich rasch als unnötig: Was die Experten am Montag im vollbesetzten Fraktionssaal beim Unionssymposium „Jugendgewalt“ verhandelten, hätte Roland Koch kaum Stoff für die letzte Vorwahlwoche geliefert.

Beispiel Härte: Der Hamburger Erziehungswissenschaftler und Kriminologe Jens Weidner, der nach eigener Aussage schon mit 10 000 jugendlichen Schlägern gearbeitet hat, empfiehlt „moderate Verschärfungen“, etwa einen Warnschussarrest, der dem Täter zeigt, dass seine Bewährungsstrafe ernst gemeint ist. Und er fordert, dass Strafen der Tat „auf dem Fuße“ folgen. Schon drei Monate, die in der deutschen Justiz als Erfolg gälten, seien zu lang, sagt Weidner: „In drei Monaten hat ein Halbwüchsiger sich dreimal verliebt und jedesmal war es für ihn essenziell.“ Die Berliner Amtsrichterin Kirsten Heisig sieht es ähnlich: „Die Strafjustiz muss schneller arbeiten“, ein Urteil „im Idealfall zwei bis drei Wochen nach der Tat“ gesprochen werden.

Weitgehende Einigkeit auch bei der Beschreibung der jungen Prügler: Natürlich könne auch ein gutbürgerlicher Zehlendorfer gewalttätig werden, wenn er „nur von der Putzfrau und drei Spielkonsolen erzogen wird“, sagt Gilles Dulhem, früher Quartiersmanager im Rollbergviertel in Berlin-Neukölln. Aber bestimmte Herkunftsmerkmale wiederholten sich eben auffallend. Weidner nennt sie die „gefährliche Trias“: gewalttätige Erziehung, die die Jungen, die meisten aus der Unterschicht, in wieder gewalttätige Freundeskreise treibt, dazu Konsum von Mediengewalt. Das entschuldige nichts, schließlich haben, bemerkt Weidner, die Schläger oft friedliche Brüder und ihre Schwestern machten eine Banklehre. Aber es zeigt, dass das Gefängnis nicht das zwangsläufige Ergebnis einer bestimmten Herkunft ist – und dass Gegenmittel, viele und lange vor dem Knast, möglich sind: das kann das Anti-Aggressionstraining sein, das den Prüglern erst einmal Gefühl für ihre Opfer „einmassiert“ (Weidner), Durchsetzung der Schulpflicht und notfalls Trennung von Eltern, die ihre Kinder gefährden (Heisig).

Gilles Dulhem fordert „mehr, aber auch besseres Geld“. Mit gewalttätigen Jugendlichen zu arbeiten sei teuer und daure. Das teure öffentliche Frühwarn- und Erziehungssystem, in dem man ohne Abstimmmung nebeneinanderher arbeite, hält er allerdings für gescheitert. Und er, der gebürtige Franzose, würde wohl, anders als der Hamburger Weidner, nicht einmal im Einzelfall für die Abschiebung krimineller Migrantenkinder plädieren: „Für mich ist die Herkunft überhaupt nicht wichtig. Die sind von hier.“

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