Politik : High Tech und Mittelalter

Tallinn kann es mit jeder Westmetropole aufnehmen An der Grenze zu Russland aber herrscht Tristesse pur

Helmut Steuer[Tallinn]

Krasser können die Gegensätze nicht sein: Die liebevoll restaurierte Altstadt von Tallinn gleicht einer Automobilmesse. Das neueste SLK-Modell aus Stuttgart glänzt in Ferrari-Rot vor der mittelalterlichen Fassade eines Hauses in der Pikk, einer der wunderschönen Wohnstraßen in der estnischen Metropole. Wenige Schritte weiter kann man bestaunen, was auf deutschen Straßen Seltenheitswert hat: Porsche, Maserati und Lamborghini.

High Speed und Mittelalter – in Estland kein Widerspruch. Mit Hochgeschwindigkeit hat sich das kleine Land fit gemacht für die EU. In wenigen Tagen wollen zehntausende Esten zum Anlass des EU-Beitritts eine Million Bäume pflanzen. „Denkmäler können niedergerissen, Fahnen verbrannt, Menschen verschleppt werden, aber der Wald wird bleiben und symbolisiert einen neuen Anfang auch für die künftigen Generationen“, sagt Juhan Parts. Er ist mit seinen 36 Jahren Europas jüngster Regierungschef. Unter seiner Regie hat die baltische Republik wie kein anderes Beitrittsland liberalisiert, privatisiert und in atemberaubender Geschwindigkeit die Planwirtschaft hinter sich gelassen. Heute zählt Estland mit Wachstumsraten von knapp sechs Prozent zu den europäischen Boomländern und hat mit niedrigen Unternehmenssteuern ausländische Konzerne angelockt.

Der Unterstützung durch die jüngere Generation für seine forsche Linie kann sich Regierungschef Parts sicher sein. Das Prinzip Hoffnung ist auch zu spüren, wenn der 18-jährige Kristjan Pedak aus der Ostseestadt Haapsalu von seinen Träumen erzählt. Wie viele seiner Kommilitonen möchte er ins Ausland gehen, „zum Arbeiten und Geld verdienen“. Pedak studiert in Tallinn an der „Eesti Infotehnoloogia Kolledz“, der neuen halb staatlichen Schule für Informationstechnologie. Zu den von vielen Alt-EU-Ländern beschlossenen Zugangsbeschränkungen für den eigenen Arbeitsmarkt sagt er cool: „Wenn es die siebenjährige Frist gibt, bin ich doch erst 25 Jahre alt.“

Die IT-Branche boomt

Das Durchschnittsgehalt in Estland liegt bei 5000 bis 6000 Kronen (320 bis 380 Euro). Die ersten Studenten sind schon vor Beendigung der Ausbildung von estnischen Software-Unternehmen für ein Monatsgehalt von 15 000 Kronen abgeworben worden, wie Truls Ringkjob klagt. Der 42-Jährige ist in den USA geboren, „aber jetzt nach Estland ausgewandert“. Er lehrt an der IT-Schule und weiß, warum das Interesse an seinen Studenten so groß ist. „Die sind alle extrem gut, besser als in den meisten anderen Ländern, die ich kenne.“ Man habe ohne Ballast nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 einen Neuanfang starten können.

„Bei null anzufangen, ist manchmal ein Vorteil“, sagt auch Karl Lepa, Germanistikprofessor aus Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands. Er hat noch einmal die Schulbank gedrückt, hofft auf einen Job als Dolmetscher bei der EU in Brüssel. Und es sieht gut aus, die schwierigsten Prüfungen hat er bestanden. Sein Handy klingelt ununterbrochen, Terminabsprachen, Vorbereitungen für die nächste Brüsselreise. Heute haben 70 Prozent aller Esten ein Handy. In Tallinn können die Parkgebühren ebenso per SMS bezahlt werden wie Rechnungen in schicken Szenelokalen. Die geografische und kulturelle Nähe zu Finnland ist unübersehbar.

Enormes Stadt-Land-Gefälle

Doch auch Estland kämpft mit einem enormen Stadt-Land-Gefälle. Nur wenige Kilometer außerhalb des Zentrums der Hansestadt beginnen die Plattenbautensiedlungen, wo heute ein Großteil der russischen Bevölkerung lebt. Insgesamt sind etwas mehr als ein Viertel der Bevölkerung Russen, doch das Integrationsproblem ist nicht so groß wie beim Nachbarn Lettland. Und bei einer Fahrt nach Narva an der russischen Grenze sieht man das andere Estland: Vorbei an den schmucklosen, grauen und zum Teil halb verfallenen Kastenbauten der Sowjetzeit geht es durch unberührte Wälder, endlose offene Landschaften, dazwischen hin- und wieder ein kleiner Bauernhof. Hier glänzt kein Ferrari mehr, und die Menschen müssen für wenige estnische Kronen schwer rackern. Subventionen für die Landwirtschaft sind gestrichen, ein soziales Schutznetz blieb auf der Strecke.

Hier, wo der Fluss Narva die Grenze zwischen Estland und Russland, zwischen den Städten Narva und Ivangorod markiert, ist die Vergangenheit Gegenwart: 95 Prozent der Menschen haben Russisch als Muttersprache, hier ist die Arbeitslosigkeit am höchsten und die Aids-Gefahr allgegenwärtig. Auf dem Marktplatz verteilt das Krankenhaus Einwegspritzen, um die Verbreitung der Immunschwächekrankheit zu bremsen. Doch viele Politiker in Tallinn haben erkannt, dass nicht nur ein kleiner Teil der Bevölkerung vom Wirtschaftsboom profitieren darf. Vielleicht wird es in Zukunft nicht mehr so viele Luxuskarossen in der Hauptstadt geben. Ein echter Verlust wäre das nicht.

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