Hilferuf der Kurden : "Internationale Gemeinschaft hat Mitschuld an Massaker in Kobane"

Mit einem verzweifelten Hilferuf an das Ausland haben die Kurden im nordsyrischen Kobane versucht, die Einnahme der Stadt durch die Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) in letzter Minute noch zu verhindern.

Thomas Seibert
Einschlag einer Rakete gegen die IS-Milizen bei Kobane.
Einschlag einer Rakete gegen die IS-Milizen bei Kobane.Foto: dpa

"Diese Banden müssen bekämpft werden", hieß es in einem Appell der kurdischen Stadtregierung "an alle internationalen Mächte" und alle Kurden. Wenn es in Kobane ein Massaker geben sollte, dann sei die internationale Gemeinschaft mitschuld, erklärte die Stadtregierung. Rund zweitausend IS-Mitglieder rückten nach einer Meldung der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu in den Straßen von Kobane vor. Nach drei Wochen Belagerung steht der Fall von Kobane möglicherweise kurz bevor. Die BBC zitierte kurdische Vertreter in der unmittelbar an der türkischen Grenze gelegenen Stadt mit den Worten, es werde um jedes Haus gekämpft.

Erneute amerikanische Luftangriffe in der Nacht zum Dienstag konnten den Vormarsch der Dschihadisten nicht aufhalten. Am Vortag hatten die Extremisten in Außenbezirken der Stadt ihre schwarze Fahne gehisst. Anschließend drangen IS-Trupps bis ins Zentrum der Stadt vor. Von dort seien sie aber wieder vertrieben worden, erklärte der syrische Kurdenchef Salih Müslim.

Unklar ist, wie viele Zivilisten sich noch in Kobane aufhalten. Rund 180.000 Menschen sind in den vergangenen drei Wochen aus Kobane in die Türkei geflohen. In der Nacht zum Dienstag kamen erneut Flüchtlinge über die Grenze. Die kurdische Stadtregierung von Kobane erklärte jedoch, "Bevölkerung und Kämpfer" würden dem IS nicht weichen und in der Stadt bleiben. Es gebe mehrere tausend Zivilisten, die durch eine Intervention des Auslands vor dem IS gerettet werden müssten. "Die internationalen Mächte und die internationale Gemeinschaft tragen eine Mitschuld an einem möglichen Massaker."

PKK droht mit Ende des Friedensprozesses

Müslim, Chef der Demokratischen Unionspartei (PYD), die in den Kurdengebieten Nordsyriens herrscht, kritisierte die Untätigkeit der Türkei angesichts des IS-Angriffs. Ankara hatte in den vergangenen Tagen zusätzliche Truppen und Panzer an die Grenze bei Kobane verlegt, die bisher aber nicht in die Kämpfe um die Stadt eingegriffen haben. Müslim sagte, die türkische Regierung habe ihm Hilfe für Kobane versprochen. Nun wolle er, dass die Türkei ihr Wort halte. Die Türkei zögert unter anderem, weil die PYD ein Ableger der türkisch-kurdischen Rebellenorganisation PKK ist, die als Terrorgruppe gilt. Zudem fordert Ankara, die US-geführte Koalition in Syrien solle nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen die Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad vorgehen.

Dann sein die Türkei auch zur Entsendung von Bodentruppen ins Nachbarland bereit, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu dem Fernsehsender CNN. Allerdings wächst der innenpolitische Druck auf Davutoglu, zugunsten der Kurden in Kobane einzugreifen. In mehreren türkischen Städten gingen kurdische Demonstranten auf die Straße, um sich mit den Verteidigern der Stadt zu solidarisieren. In Istanbul lieferten sich Kurden heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Zudem droht die PKK mit einem Ende des Friedensprozesses mit Ankara, falls der IS Kobane einnimmt. Der inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan, der seit Ende 2012 mit Ankara über eine friedliche Lösung des Kurdenkonfliktes in der Türkei verhandelt, setzte der Regierung ein Ulutmatum bis zum 15. Oktober, um den Friedensprozess zu retten. Sollte die PKK die Verhandlungen aufkündigen, könnten die seit anderthalb Jahren eingestellten Gefechte zwischen den kurdischen Rebellen und der türkischen Armee erneut beginnen.

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