Politik : Hinter den Linden: Alles Fassade

Andrea Dernbach

Nein, in Berlin sei sie schon lange nicht mehr gewesen, sagte die Kollegin aus Rom vor ein paar Monaten Sie wolle gar nicht so richtig wieder hin: "In meinem Berlin gab es noch die Mauer." Nicht, dass da jetzt Missverständnisse entstehen: Sie wünscht den deutschen Freunden nicht die Teilung zurück. Aber ihr Aufenthalt 1989/90 war doch aufregender und spannender als vermutlich jeder weitere Besuch der Stadt werden kann.

Sie ist nun doch wieder gekommen. Und es gefällt ihr sogar im neuen, anderen Berlin. Nur dass aus der Stadt der Mauer die Stadt der Fassaden geworden ist. Die Römerin, die barocke Inszenierungen doch von jedem Gang zum Supermarkt kennt, sieht verblüfft eine Hauptstadt, die es ernst meint mit der Hautpflege: Da sind die frischen Gesichter der Häuser am Prenzlauer Berg, da ist das Brandenburger Tor, von dem nur eine Stofffassade übrig geblieben zu sein scheint. Und dann das Schloss und die Schlossplatzkommission, die sich für die Wiedergeburt des Hohenzollerpalasts aus dem Geiste Potemkins ausgesprochen hat. "Wie lange haben die getagt, um auf dieses Disney-Land zu verfallen?" Ich müsste nachsehen. "Und Schröder, sag mal, kannst Du mir erklären, warum der gegen die Behauptung prozessiert, er habe sich die Haare braun gefärbt? Wollt Ihr nicht mehr wissen, was hinter den Haaren Eurer Kanzler steckt?" Das nicht, antworte ich, aber wir wissen es ja. Es ist nicht dramatisch anders als das, was uns der Mann aus Bayern bietet. Der mit dem - echt? - weißen Haar. Nur: So was ist der GAU für jeden Wahlkampfmanager. Es gab nur einen Weg: Her mit dem kleinen Unterschied! Ein Hoch auf die Fassade! Und das, was sich draus machen lässt.

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