Politik : Hinter den Linden: Betriebsausflug

Thomas Kröter

Damals, als es durchaus noch nicht raus war, ob deutsche Regierung und Parlament nach der Wiedervereinigung wirklich vom Rhein zurück an die Spree ziehen würden ... , damals also gab es unter anderem ein wichtiges Argument gegen Bonn und für Berlin. In der einstigen Frontstadt, so hieß es, seien die Politiker auch näher am "richtigen" Leben - an der aktuellen Front des postsozialistischen Wiedervereinigungsschmerzes zum Beispiel. Als richtig daran erwies sich: Die Abgeordneten gehen wohl häufiger ins Theater als früher. Neulich hat CDU-Chefin Angela Merkel mit einem Opernbesuch angeblich sogar Politik gemacht - wie sich herausstellte, eher gegen ihre Partei. Denn Eberhard Diepgen und Co. gefiel es gar nicht, dass sie nach einem Opernbesuch Gerhard Schröders Kulturminister Naumann anrief und der postwendend über drei Millionen für Herrn Barenboims Verbleiben unter den Linden locker machte. Vielleicht war das die heimliche Rache Merkels für den Umfall des Regierenden bei der Steuerreform. Sonst allerdings merkt man wenig vom Zusammenstoß von Politik und Realität - jedenfalls außerhalb der Spesengastronomie des Stadtteils Mitte. Halt, keine Ungerechtigkeiten. Die Grünen reisen durch den Osten, richtig, vor ihnen auch der Kanzler. Aber auch andere Herrschaften geben sich Mühe - die FDP der sozialen und geografischen Zusammensetzung ihrer Anhänger gemäß allerdings eher Richtung Westen. Gestern hat das Präsidium der Partei einen Betriebsausflug an die Lietzenburger Straße gemacht. In ein Möbelgeschäft. Neue Sessel für die Parteizentrale? Nein. Ein Medienevent wollte man machen. Gegen den Ladenschluss. Das sei hier ordnungsgemäß gemeldet. Guido Westerwelle soll übrigens heimlich was gekauft haben - einen sichtversperrenden Paravent als Geschenk für seine nächste Big-Brother-Visite. Mal sehen, wie er den ins Haus reinschmuggelt.

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