Politik : Hinter den Linden: Buchstabenprozession

Carsten Germis

Mark Twain, der Schöpfer so populärer Romane wie der Abenteuer von Tom Sawyer, hätte seine helle Freude an der Presseerklärung 1162 der SPD-Bundestagsfraktion gehabt. Da haben die eifrigen Mitarbeiter der Pressestelle noch einmal die wichtigsten Gesetzesänderungen aufgelistet, die am 1. Januar 2001 in Kraft treten. Nicht dass sich Mark Twain darüber gefreut hätte, was für die Bürger im kommenden Jahr alles besser werden soll. Auch stilistisch hätte ihn die zwölf Seiten dicke Mitteilung nicht in Begeisterungsstürme versetzt. Das wäre auch ein zu hoher Anspruch an einen Text, der nur über neue Gesetze informieren will. Doch der amerikanische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts hätte gemerkt, dass das, was ihm zu seiner Zeit an der deutschen Sprache aufgefallen ist, auch im 21. Jahrhundert fröhlich weiterlebt: die Länge mancher Wörter nämlich. Die bekäme er im Englischen niemals hin, so sehr er sich auch mühte. Twain fielen damals Worte auf, inhaltsschwer wie Generalstaatsverordnetenversammlungen. Dieses Wort würde alleine mühsam in eine Zeitungsspalte passen. Schon damals klagte Twain darüber, dass man eine deutsche Zeitung aufschlagen könne, wo man wolle. Überall marschierten diese langen Wortungetüme majestätisch über die Seiten. Das werden die Redakteure auch heute nicht ändern können, wenn sie zum Beispiel über das neue "Einmalzahlungsneuregelungsgesetz" berichten müssen. Schon beim Lesen wird einem schwindelig vor so viel geballter Kraft. Was sich dahinter verbirgt? Da gibt es beim Leser ein gewisses Gesetzesinhaltserläuterungsbedürfnis. Also: Das ist ein Gesetz, in dem geregelt wird, dass Sozialbeiträge auf Zahlungen, die wie Weihnachtsgeld einmalig geleistet werden, in die Berechnung von Lohnersatzleistungen wie Arbeitslosengeld einbezogen werden. Das ist kompliziert, daher wohl das lange Wort. Nein, das sind keine Wörter mehr, das sind alphabetische Prozessionen. Ein guter Vorsatz für 2001 könnte sein, so etwas seltener zu verwenden. 2002 also bitte etwas mehr Vielbuchstabenwörterbenutzungsvermeidungsbemühungen, wünscht sich

Carsten Germis

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