Politik : Hinter den Linden: Farbenlehre

Robert Birnbaum

Dem alten Goethe verdankt die Welt eine Farbenlehre, die ihm zu Lebzeiten schon viel Häme eingetragen hat, weil sie nämlich alle für falsch halten. Der alte Goethe hat geglaubt, dass es auf der Welt nicht unendlich viele Farben gibt, sondern nur zwei "Urfarben": Gelb und Blau. Die mischen sich dann untereinander, und zwar nicht so wie wir das aus dem Farbkasten kennen oder aus dem Physik-Unterricht mit bunten Filterfolien, sondern durch "Mäßigung" oder "Steigerung". Also: Ganz helles Licht, von der Sonne zum Beispiel, ist Weiß. In der ersten Abblendestufe wird daraus Gelb. Gar kein Licht ist Schwarz; aufgehellt wird daraus Blau. Grün besteht aus Gelb und Blau, Rot aus Gelb-Rot oder Blau-Rot. So weit Goethen.

Alles Quatsch? Von wegen! Der alte Goethe war viel, viel weiter als wir engstirnigen Newtonianer glauben. Beweis? Bitteschön, hier ist er: Seit Wochen spekulieren wir hinter den Linden rum, was es auf sich hat mit diesen auffälligen Besuchen (Westerwelle, Möllemann) beim Kanzler. Bahnt sich da eine neue Konstellation an?

Aber dann am Freitag im Bundestag dies: Volker Rühe hat kaum seine Rede wider den Mazedonien-Einsatz beendet, da erhebt sich Guido Westerwelle ernsten Blicks von seinem Platz, begibt sich zu Rühe und drückt ihm vor aller Augen die Hand. Also was nun - Rot-Gelb oder Schwarz-Blau? Schlag nach bei Goethe! Denn was ist Rot anders als ein schwächelndes Gelb? Was ist Schwarz anders als ein düsteres Blau? Grün - nur eine andere Form von Blau-Gelb. Fazit: Aus Blau und Gelb kann jede andere Farbe werden. Was wir allerdings auch ohne Goethe wussten.

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