Politik : Hinter den Linden: Im Praktikum

Hans Monath

Die Probleme der Grünen möchte man wirklich nicht geschenkt haben, schon gar nicht im Wahljahr. Ständig von ehemals begeisterten Kommentatoren und Wählern dafür bestraft zu werden, dass man nicht mehr so frech, anti-militaristisch, basisdemokratisch und anti-autoritär ist, wie man einmal angefangen hat, muss wirklich kein reines Vergnügen sein. Dabei tun viele Beobachter der Partei bitter Unrecht, wenn sie ihr nun staatstragendes Pathos, programmatische Verzagtheit und langweilige Angepasstheit vorhalten.

Der Beweis? Man muss nur genau hinschauen, zum Beispiel in die Bundesgeschäftsstelle in Berlin, wo kürzlich vor aller Augen zu erleben war, dass die Grünen noch immer einen unkonventionellen Umgang mit Autorität pflegen und einfachen Bürgern genau so viel zutrauen wie abgekochten Politikprofis. Parteichefin Claudia Roth nämlich trat da ohne Parteiprecher Hans Langguth vor die Presse. Ein Unbekannter mit bayerischem Akzent teilte souverän das Fragerecht zu. Die Vertretung von Langguth, der im Urlaub weilte, hatte der Student Thomas Schmid übernommen, der in dieser Zeit aus der Pressestelle auch Interviewwünsche und Anfragen weiterleitete. Der Niederbayer Schmid legte übrigens Wert darauf, dass er nicht von Parteichefin Roth protegiert wurde, die ebenfalls aus Bayern stammt, sondern sich ganz normal für ein sechswöchiges Praktikum beworben hatte. Wie weit geht nun das Vertrauen der Grünen in die Basis? An Vertretung von Partei- und Fraktionschefs durch Praktikanten ist offensichtlich nicht gedacht. Zumindest dann nicht, wenn die Grünen im Herbst wieder in den Bundestag einziehen.

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