Politik : Hinter den Linden: Koch und Kellner

Hans Monath

Von seinen Kompetenzen macht der amtierende Bundeskanzler bekanntlich gern Gebrauch. Mit der Kraft, die aus dem Grundgesetz kommt, stoppt er zum Beispiel radikal Debatten, die ihm gegen den Strich gehen: "Basta!" Weniger bekannt ist, dass Gerhard Schröder seinen Verfassungsauftrag so weit auslegt, dass der sich schließlich auch aufs Privatleben seiner Kabinettsmitglieder bezieht. Am Freitag, dem letzten Sitzungstag des Bundestages vor der Sommerpause, traf es den Außenminister.

Joschka Fischer hatte gerade ein Interview fürs Fernsehen gegeben und eilte mit großem Gefolge den Seitenflur des Reichstags entlang. Der Politiker, der zum vierten Mal verheiratet ist, wandte sich im Laufen eben einer jungen Frau zu, die neben ihm herlief und ihn ansprach, da kam Schröder ähnlich eilig aus der Gegenrichtung heranmarschiert. Anders als der Leiter des Auswärtigen Amts, der einen Schwarm von Helfern hinter sich herzog, wurde Schröder nur von einer einzigen Mitarbeiterin eskortiert. Und vielleicht war es jenes Missverhältnis, das im Kanzler die Lust zum Frotzeln weckte. Jedenfalls hatte er in einem Sekundenbruchteil die Chance erkannt, mit einem Machtwort dem Vizekanzler wieder einmal zu zeigen, wer in der Koalition Koch und Kellner, Kanzler und Kavalier ist: "Kein Flirt, wir müssen arbeiten!", donnerte es über den Flur. Der eigentlich recht wortmächtige Außenminister, sichtlich überrascht, konnte noch schnell zurückblaffen, es gehe doch nur um einen Fototermin, zu dem die Fotografin ihn überreden wolle. Da war der Kanzler mit der Lizenz zum Dreinreden schon vorübergerauscht.

Der Außenminister aber, der in dem kurzen Wortwechsel sein Tempo fast gar nicht verringert hatte, eilte weiter, hinaus durchs Ost-Portal des Reichtags, redete auf der Außentreppe noch kurz auf seinen Vorgänger Klaus Kinkel von den Liberalen ein, der in seiner Amtszeit mit beiläufigen Machtdemonstrationen des Bundeskanzlers auch so seine Erfahrungen gemacht hat. Dann stieg Fischer in seine Dienstlimousine und rauschte davon.

Zurück blieb die sichtlich konsternierte Fotografin - ohne Foto von Fischer, aber dafür mit neuen Erkenntnissen darüber, was es tatsächlich mit der Richtlinienkompetenz der Verfassung auf sich hat.

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