Politik : Hinter den Linden: Krawattennöte

Robert von Rimscha

Noch ist der Karneval nicht vorbei. Ernsthaftigkeit und Nüchternheit bleiben einen weiteren Tag lang bedroht. Nur Krawatten sind wieder sicher. Zeit also, eine erste Bilanz zu ziehen. Zu den wenigen Bedeutsamen, denen es wirklich unverhofft an den Binder ging, gehört Herbert Mertin, seines Zeichens rheinland-pfälzischer Justizminister und Liberaler. Mertin, in seiner Heimatstadt Koblenz selbst semiprofessioneller Karnevalist, war auf Besuch bei der saarländischen Nachbarregierung. Deren Mitglieder Inge Spoerhase-Eisel (Justiz) und Regina Görner (Soziales), beide aus der CDU, hatten die Schere parat, als Mertin kam, und ließen dem Verblüfften nur einen kleinen Zipfel marineblauen Tuches am Hals. "Leider kann ich mich kaum noch an Einzelheiten erinnern, es ging alles so schnell!", wunderte sich der FDPler hernach. "Und das, obwohl Saarbrücken nicht am Rhein liegt und beide Ministerinnen das Wort Weiber stets zurückweisen!" Mertin hat also eine Krawatte verloren. Was ihm da Symbolträchtiges widerfahren ist, ahnt er noch gar nicht. Die Krawattennot nämlich könnte zum neuen Leitmotiv der deutsch-amerikanischen Freundschaft werden. Denn auch jenseits des Atlantiks scheinen wichtige Herren - ganz ohne Weiberfasching - ihre Schlipse zu verlieren. Beleg: Die erste Pressekonferenz von George W. Bush. Wie es denn mit einer wöchentlichen Medienrunde wäre, wurde der US-Präsident von Journalisten gefragt. "Da gehen Euch doch die Fragen aus!", beschied Bush. Von wegen. Am Fragevermögen gemessen wären zwei Termine pro Woche angemessen, meinten die Journalisten jovial, zwei! Bush: "Da gehen mir aber die Krawatten aus!"

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