Politik : Hinter den Linden: Lob dem Nicht-Jeck

Gerd Appenzeller

Wir Berliner wissen es, auch wenn wir es nicht zugeben würden. Auf der nach oben offenen Charmeskala nimmt unsere Stadt bestenfalls einen guten Mittelplatz ein, und das auch nur an Sonnentagen. Und seit mit den Bonnern auch das karnevalistische Anspruchsdenken in die gegen solche Albernheiten bislang streng abgeschirmten Amtsstuben einzuziehen versucht, haben wir weitere Punkte verloren. Die Rheinländer behaupten glatt, viele Berliner würden zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag die Mundwinkel unter dem Kinn verknoten. Diese Geringschätzung unseres Wesens trifft uns hart. Umso dankbarer sind wir unserem Staatsoberhaupt, denn Johannes Rau hat dieser Tage Worte der Sympathie für die zurückhaltende Weise gefunden, in der die Berliner dem Jeckentum huldigen.

Befragt, ob ihm, dem quasi von Amts wegen einst zur Narretei verpflichteten nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten an der Spree nicht die Karnevals-Prunksitzungen fehlten, antwortet er mit einem klaren Nein. Früher, erzählt er schmunzelnd, habe er sich am Rosenmontag immer im Ausland aufhalten können, denn die Düsseldorfer hätten ihn in Köln und die Kölner in Düsseldorf vermutet. Da sei dann eben doch der (protestantische) bergische Wuppertaler in ihm durchgekommen, der zwar zu einer Karnevalsveranstaltung geht, aber kein Jeck sei. Und am Rosenmontag 1978 habe er sich einst die Zeit genommen, seine Bewerbung für das Amt des Regierungschefs an Rhein und Ruhr zu formulieren. Wie wir wissen, hat er den Job bekommen.

In diesem Jahr hat Johannes Rau am Rosenmontag im Schloss Bellevue Akten aufarbeiten dürfen, die während seiner Reise nach Indonesien und Katar liegen geblieben waren. Niemand hat ihn dabei gestört, was ihm gefiel. Nebenbei hat er ein bisschen ferngesehen. Die Karnevalsumzüge in Köln und Düsseldorf. So viel jeck darf sein. Auch in Berlin.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben