Politik : Hinter den Linden: Narren vor Gericht

Robert Birnbaum

Angela Merkel ist billig davongekommen. Auf miese Oppositionspolitik lautete die Anklage. Das Gericht hat verhandelt, die Verteidigung der CDU-Chefin angehört und sie am Ende freigesprochen. Ein Freispruch zweiter Klasse allerdings, denn er erging gegen Zahlung einer Buße. Der in solchen Fällen gebräuchliche Satz liegt beim Hohen Grobgünstigen Narrengericht zu Stockach bei 30 Litern Wein. Das ist, bedenkt man die Schwere der Anklage und die Vielzahl der Beweise, ein wahrhaft mildes Urteil zu nennen.

Nun liegt es uns fern, das ehrwürdige Gericht zu schelten. 650 Jahre alt ist es schon. Die Stadt Stockach, dicht beim Bodensee gelegen, verdankt es ihrem prominentesten Bürger. Hans Kuoni von Stocken war Hofnarr beim Habsburger-Herzog Leopold I. von Österreich. Die Habsburger hatten damals mächtig Ärger mit den Schweizern - Wilhelm Tell, Geßlerhut, Rütli-Schwur und dergleichen.

1315 kam es dann zur Schlacht am Morgaten. Die Österreicher verloren. Als sie sich die blutig geschlagenen Köpfe kratzten, also zu spät, fiel Leopold ein Ausspruch seines Narren ein: "Ihr ratet alle, wie Ihr wollet in das Land Schwyz hineinkommen, Euer keiner aber hat geraten, wie ihr wollet wieder herauskommen." Leopold ging ein Licht auf. Er spendierte dem Narren zum Dank die Gerichtshoheit.

Bei der CDU denken jetzt einige darüber nach, ob nicht der Mahnung jenes Hans Kuoni im übertragenen Sinne zu folgen ihrer Partei gelegentlich ganz gut anstünde. Bevor sie Plakate druckt zum Beispiel. Die Gründung eines Narrengerichts erwägen die Christdemokraten allerdings nicht. Sie haben den Parteivorstand.

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