Politik : Hinter den Linden: Polit-Cabrio

Carsten Germis

In der Politikwissenschaft gibt es seit einiger Zeit einen neuen Begriff. Vom "Politainment" ist die Rede, wenn die Tendenz beschrieben wird, Politik jenseits aller Inhalte als pure Unterhaltung an den Mann oder an die Frau zu bringen. Wer liest schon gern 90 Zeilen über das Ringen um irgendein trockenes Detail der Rentenreform, und sei es noch so wichtig? Wie schön ist es dagegen, seicht und unterhaltsam einfach etwas zu machen, was einen Politiker garantiert in die Schlagzeilen bringt. Ein Mann, der sich da auskennt, ist der neue FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle. Eher wenig Erfahrung im "Politainment" hat dagegen noch CDU-Chefin Angela Merkel. Doch jetzt sind die beiden gemeinsam Cabrio gefahren. Auslöser war eine freche Werbung des Autovermieters Sixt: Die Reklame zeigte Merkel in einer Fotomontage mit einer Sturmfrisur und riet ihr auf die Frage "Lust auf eine neue Frisur?" schlicht: "Mieten Sie sich ein Cabrio." Gemietet hat es nun allerdings Westerwelle. Im offenen VW-Käfer kurvten die beiden in Berlin den Tiergarten entlang zum Schloss Bellevue, von dort zum Großen Stern und zurück. Ob sie sich dabei auch politisch näher gekommen sind? "Ich glaube nicht, dass sich die Liberalen der SPD an den Hals werfen", deutete Merkel keck eher eine Annäherung von Union und Liberalen an. Gerne würden wir mehr über das Tête-à-tête berichten. Doch zum "Politainment" gehört auch, dass Politik als unterhaltsame Ware meistbietend verkauft wird. Westerwelle, der sich da auskennt, hat die Berichterstattung über die Cabrio-Fahrt exklusiv einer großen Boulevard-Zeitung zugesichert. Aber es geht ja nicht um Inhalte, niemand verpasst also etwas, wenn er nicht mehr weiß.

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