Politik : Hinter den Linden: Postgeheimnis

Robert von Rimscha

Die letzten Weihnachtsbäume fliegen aus den Wohnungen. Außer abgefallenen Nadeln in Berlins Treppenhäusern gibt es aber noch eine andere Hinterlassenschaft der Jahreswende. Die Weihnachts- und Neujahrskarten sind längst entsorgt, und jene, die liebe Grüße von Menschen empfangen haben, denen selbst zu schreiben sie vergaßen, hatten ausreichend Zeit, noch schnell ein paar entschuldigende Dankes-Zeilen hinterher zu schicken.

Nur eine Neuerung hat niemand bedacht. In den Terror-Zeiten seit dem 11. September gelten in vielen Ministerien neue Prüf-Prozeduren. Man weiß ja nie, ob eine Grußkarte nicht in Wahrheit ein neuer Anthrax-Brief ist. So haben die Regierungsstellen mehr Post geöffnet als jemals zuvor, mehr Vorgesetzte haben prüfend gelesen, was da geschrieben und gewünscht wurde. Jetzt zeigen sich die Folgen. Es gab zu Weihnachten und Neujahr peinliche Begegnungen von Grüßenden und Beglückwünschten.

Hohe Beamte, die eigentlich nie mit den bösen Menschen von der Presse reden sollten, bekamen just von unsereins Karten zugestellt, in denen Sätze wie "mit bestem Dank für die ausgezeichnete Zusammenarbeit" standen. Ausgezeichnete Zusammenarbeit? Zwischen Journalisten und hohen Beamten, die bei jeder Anfrage auf ihre Pressestelle verweisen müssten? Die aus Prinzip nichts sagen dürfen? So mancher Vorgesetzter saß um die Feiertage schmunzelnd über einer Grußkarte - aus Sicherheitsgründen geöffnet und inspiziert - und erfuhr zwar nichts über die terroristische Bedrohung dieser Welt, wohl aber über die etablierten Informationsnetze im Berliner Politikbetrieb.

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