Politik : Hinter den Linden: Redenfrei

Carsten Germis

Über die moderne Informationsgesellschaft wird viel geredet. Das Internet sei ein Medium, das manches zur Demokratisierung beitragen könne. Schließlich hat jeder Bürger mehr denn je die Möglichkeit, sich aus Originalquellen zu informieren. Dieser Theorie folgt auch die Bundesregierung. Sagt sie. Aber was tut, wer sich mal raussuchen möchte, was der zuständige Arbeitsminister zur Rentenreform so alles gesagt hat. Richtig, er sucht die Internetseiten des Ministeriums. Die sind unter www.bma.de leicht zu finden. Dort sind die Reden des vergangenen Jahres abgelegt. Doch, wo man auch anklickt, überall dieselbe Antwort: "Es liegen keine Reden vor." Ein Jahr lang keine Rede? So schweigsam war Walter Riester nicht. Der Sozialminister ist schließlich seit Monaten damit beschäftigt, die wohl schwierigste Reform in dieser Wahlperiode unter Dach und Fach zu bringen, die Rentenreform. Warum aber dann nicht eine einzige Rede, die im Internet nachzulesen wäre? Der Grund ist einfach: Riester mag Manuskripte nicht. Er redet lieber frei. Schon für den römischen Staatsmann und Rhetor Cicero war die freie Rede und Gegenrede Grundlage des privaten Wohls und des Gemeinwohls. Als Theoretiker - und als Praktiker - der Rhetorik ist Cicero noch heute eines der bedeutendsten Vorbilder auch für die moderne Kommunikationsgesellschaft. Rede ist Zwiesprache, bei der einer spricht und die anderen mitreden, wenn auch nur hörend. Wie anders wirken da Redner, die brav ihre Manuskripte ablesen und nach jedem vierten Satz misstrauisch hochblicken, ob auch noch alle da sind? Einziger Vorteil: Die Manuskripte können ins Internet gestellt werden.

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