Politik : Hinter den Linden: Sonntags-Stimmung

Tissy Bruns

Die gute, alte S-Bahnlinie 1 zeigt seit einigen Wochen Schwächen. Sie muss aufgemöbelt werden, und deshalb fährt am Wochenende auf Teilstrecken nur ein Bus. Der Mangel führt zu neuen Berliner Blicken, denn der Bus hält genau auf der Brücke über den Gleisen, wo man sonst keinen Fuß hinsetzt. Von der Feuerbachstraße in Friedenau geht der Blick geradewegs bis zum Fernsehturm am Alex. Schöne Aussichten. Gemächlich fährt der Bus nach Schöneberg. An diesem Sonntag verliert sogar die S-Bahn ihren gewohnten Takt - sie zockelt unter die Linden, wo Ströme von Spaziergängern sich über die bunten Bären wundern. Wilhelmstraße, Luisenstraße - auf dem Weg zum Pressehaus drängt sich wieder der Fernsehturm in den Blick, diesmal ganz nah und in vollem Sonnenlicht. Das berühmte Kreuz auf dem Kugelbauch des Alex leuchtet, als wollte es etwas sagen. Unmittelbar vor der S-Bahn-Unterführung führt der Weg links ab von der Luisenstraße. Auf der unfertigen Straße ohne Namen, die direkt an den Gleisen entlang zum Pressehaus führt, bricht plötzlich Stille aus, denn die sonst so unermüdlichen Baustellen schweigen. Fast kein Verkehrslärm, statt dessen: schwacher Glockenklang aus undefinierbarer Richtung. Mein Kollege tippt auf die Katholische Akademie in der Hannoverschen Straße hinter der Charité. Nach Weitblick, Kreuz und Glockenklang erfolgt der Schock im zweiten Stock. Ein Kind im Pressehaus! "Hund, komm her", ruft der Junge, und mit lautem "Wau, wau" prescht auf allen Vieren seine kleine Schwester über den Flur. Nach kurzem Hallo verkündet die Kleine mit dem dunklen Lockenkopf: "Papa hat gerade Scheiße gesagt." Warum? Dumme Frage. Papa sitzt im Büro.

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