Politik : Hinter den Linden: Urlaubsdiplomatie

Hans Monath

Wer Politik macht, muss nicht nur mit eindeutigen Erklärungen arbeiten können, sondern auch mit feinen Unterschieden und wohl dosierten Sticheleien. Als der Rechtspopulist Silvio Berlusconi in Italien die Wahl gewonnen hatte, schickte die rot-grüne Bundesregierung kein Glückwunschschreiben nach Rom. Anders reagierte sie, als vor vier Tagen klar wurde, dass Tony Blair in Großbritannien seine Regierungsmehrheit verteidigt. Noch in der Nacht griff Kanzler Gerhard Schröder zum Telefonhörer und sorgte am nächsten Tag auch dafür, dass seine herzlichen Gratulationsworte für den Labour-Mann weithin bekannt wurden.

Doch die Linientreue des Bundeskanzlers kennt Grenzen. Zwar ist oft auch das Private höchst politisch, aber offensichtlich geht die Abscheu Schröders gegen den römischen Wahlsieger nicht so weit, dass er deshalb nicht mehr nach Italien in den Urlaub fahren will. Dem deutschen Regierungschef haben die Ferientage bekanntlich gut gefallen, die er gemeinsam mit Ehefrau Doris Schröder-Köpf und Tochter Klara in Positano südlich von Neapel verbrachte. Nachdem der Kanzler seine Urlaubspräferenz ausländischen Journalisten gegenüber angedeutet hatte, wollte die Hauptstadtpresse am Freitag in der Bundespressekonferenz von der Sprecherin des Auswärtigen Amtes wissen, ob wenigstens deren Chef Joschka Fischer im Sommerurlaub Italien meiden will. Schließlich fährt der Außenminister seit vielen Jahren regelmäßig auf ein Landgut in die Toscana. Seine Vertreterin aber musste passen: "Dessen Urlaubsplanung kenne ich noch nicht. Tut mir Leid."

Deshalb bleibt vorerst ungeklärt, ob Berlusconi dem erklärten Rechten-Gegner Joschka Fischer den Erholungsaufenthalt in der Lieblingsregion vieler rot-grüner Spitzenpolitiker vermiesen kann. Aber wer nimmt schon einen Urlaub im regnerischen England auf sich, nur um politische Korrektheit zu beweisen?

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