Politik : Hinter den Linden: Wertschöpfung

Gerd Appenzeller

In Gegenden Deutschlands, die im Laufe der Geschichte mit der Reformation wenig und mit dem Sozialismus gar nicht in Berührung gekommen sind, gibt es - allerdings in zurückgehender Zahl - einen besonderen Typus von Geschäften, die so genannten Devotionalienhandlungen. Devotionalien sind der Andacht dienende Gegenstände, als da seien Rosenkränze, Gesangbücher, Bibeln und Heiligenbildchen. Wir sprechen von vorwiegend katholischen Regionen. Nun findet man Devotion, Andacht, Verehrung, allerdings auch im weltlichen Bereich. Helmut Kohl zum Beispiel schätzte es in seiner späten Phase, wenn man sich ihm devot näherte. Womit wir in einem kühnen Gedankensprung bei der SPD wären. Die hatte einen Politiker, dem sie sich zu Lebzeiten nicht sonderlich unterwürfig näherte, der seit seinem Tode aber ein Objekt der politischen Devotion, der Verklärung, geworden ist: Willy Brandt.

Die SPD-Zentrale in Berlin wurde nach ihm benannt. In ihr gibt es ein Geschäft, das Devotionalienhandlung zu nennen nicht falsch wäre. Das Angebot dient, sozusagen, dem sozialdemokratischen Wir-Gefühl, der moralischen Aufrüstung, der Erbauung und ein wenig auch der Gaudi. Keine schwere programmatische Klassik, sondern sozialdemokratischer Nippes von unterschiedlichem Niveau. Von der dezent-roten Kaffeetasse über die Kleiderbürste im roten Helm und Uhren mit Parteiemblem reicht die Palette bis zu den von Brandt hochgeschätzten Mont-Blanc-Füllern in verschiedenen Ausführungen zwischen 245 und knapp 500 Mark, in repräsentativen Geschenkpackungen. Gerne genommen wird auch, so hört man, der rote Kaschmirschal für 89 Mark. Selten konnte man so geschmackvoll Farbe bekennen. Der von Walter Momper war ja nur aus Wolle. Das auffälligste Stück im Sortiment ist jedoch dem derzeitigen Bundeskanzler und Parteivorsitzenden gewidmet. Es ist ein Aufsteller, Gerhard Schröder aus Pappe, lebensgroß. Kein Zentimeter weniger und auch keiner mehr, obwohl die Versuchung sicher da gewesen wäre... So etwas schmückt, wird dem Besucher versichert, ganz besonders lokale SPD-Feste, zu denen der Chef selbst nicht kommen kann. Kostenpunkt? Ach ja. 249 Mark.

Also, eines muss man den Sozialdemokraten lassen. In puncto Wertschöpfung haben sie ganz schön dazugelernt in den letzten Jahren.

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