Politik : Hinter den Linden: Zeit für Gipfelstürmer

Hans Monath

Der Text könnte von Reinhold Messner stammen: "Gipfelstürmer brauchen ein Basislager", heißt es auf einem Plakat, das bis Ende März in immerhin 70 000 Exemplaren Werbeflächen in Deutschland zieren soll. Doch geworben wird weder für das Extrembergsteigen noch für warme Schlafsäcke oder Zelte, wie Familienministerin Christine Bergmann am Freitag klarstellte. Vielmehr geht es der Politikerin darum, eine Debatte über Erziehung anzustoßen - und dabei setzt die beauftragte Werbeagentur lieber auf eine graduelle Schockwirkung als auf alt bekannte Schmusebotschaften von der heilen Familie. Zum "Gipfelstürmer"-Satz nämlich sieht man auf dem Plakat ein fast nacktes Baby eine breite, dunkle Treppe hinaufkrabbeln. Nicht mehr als eine Windel hat der der Kleine an. Wenn der Beschützerinstinkt anschlägt, soll sich der Betrachter wohl fragen, wo denn nur die Eltern des Kleinkinds abgeblieben sind. Denn um "Mehr Zeit für Kinder" geht es in der Plakatkampagne, um bessere Kindererziehung.

Ist das nun gut gemacht? Ist das wirklich eine wichtige politische Aufgabe, um die sich die Bundesregierung hier kümmert? Und wie haben die Menschen eigentlich ihre Kinder erzogen, als es noch keine Regierungsplakate zu Erziehungsfragen gab? Alles richtig, wichtige Fragen, aber statt sie zu beantworten, möchte der Autor dieser Zeilen doch lieber ein intimes Geständnis ablegen, das eigentlich nicht in die Zeitung gehört: Statt mich mit dieser Glosse abzumühen, würde ich mich, ehrlich gesagt, lieber um unseren Sohn Konstantin kümmern. Er hat meist ein bisschen mehr an als nur eine Windel und wird am heutigen Sonnabend 19 (Tage).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben