Hintergrund : Was will der Iran?

Irans Regime fühlt sich am längeren Hebel. Es weiß, dass Russland und China für Spritsanktionen nicht zu haben sind. Doch was will der Iran?

Martin Gehlen

Chefunterhändler Saeed Jalili weiß, dass er die Wogen glätten muss: "Iran ist bereit zu kooperieren, um die internationalen Sorgen zu verringern", beschwichtigte er dieser Tage den Westen und kündigte für diese Woche ein überarbeitetes Verhandlungspaket seines Landes zum Atomprogramm an, was "die globalen Ereignisse des letzten Jahres einschließlich der Weltrezession und der Krise um Georgien mitberücksichtigt". Was er damit konkret meint, das sagte der oberste Teheraner Atomdiplomat nicht. Bei bisherigen Begegnungen war er seinen westlichen Gesprächspartner meist mit stundenlangen Klagereden und theologischen Belehrungen auf die Nerven gegangen, konnte aber nie mit substantiellen Angeboten aufwarten.

In Wien debattiert ab Montag die Atomenergiebehörde IAEO in ihrer Herbstsitzung über den jüngsten Bericht zum Iran. Und auf dem G-20-Gipfel in Pittsburgh am 24. und 25. September könnte eine neue Runde von Sanktionen zur Debatte stehen. Denn in den westlichen Staatskanzleien rechnet man auch diesmal nicht mit einem Durchbruch, zumal ein Sprecher des Teheraner Außenministeriums wissen ließ, die neuen Vorschläge drehten sich ausschließlich "um globalen Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit".

Das nährt in den USA und Europa den Verdacht, der Islamischen Republik gehe es - wie in allen Jahren zuvor - auch bei ihrer jüngsten diplomatischen Offensive nur darum, die akuten diplomatischen Spannungen abzufedern und Zeit zu gewinnen, bis die noch fehlenden Kapazitäten bei der heimischen Benzin-Raffinerie aufgebaut sind. "Wir sind auf weiteren Druck durch Sanktionen vorbereitet", prahlte Präsident Ahmadinedschad dann auch am Wochenende in einer Rede vor Veteranen und fügte hinzu: "Es ist ein schwerer Fehler zu glauben, dass wir bei Anschuldigungen, Unhöflichkeiten oder Beleidigungen nachgeben und auf unsere nuklearen Rechte verzichten."

Irans Regime fühlt sich am längeren Hebel. Es weiß, dass Russland und China für Spritsanktionen nicht zu haben sind. Und auch der in dem letzten IAEO-Bericht geäußerte Verdacht, Teheran versuche neben der Unrananreicherung auch einen Sprengkopf für eine Atomrakete zu konstruieren und Antriebstechnik für Mehrfachsprengköpfe zu entwickeln, wird ruppig vom Tisch gewischt. "Das sind alles gefälschte Dokumente", schrieb der iranische Botschafter bei der IAEO in einem achtseitigen Brief an den Chef der Behörde, Mohamed ElBaradei.

Dies sieht man in Wien jedoch anders. Nach Angaben der IAEO stammt die entsprechenden Informationen aus verschiedenen Quellen und unterschiedlichen Zeiträumen - darunter auch Videos, die nach westlicher Überzeugung geheime Nuklearlabors zeigen. Den Kern bildet offenbar das so genannte Laptop-Material, welches der amerikanische Geheimdienst 2004 von einem iranischen Atomwissenschaftler zugespielt bekam. Anders als bei den gefälschten Unterlagen über den angeblichen 500-Tonnen-Urankauf von Saddam Hussein im Niger, halten IAEO-Experten die iranischen Dokumente für authentisch. Allein schon die Menge des Materials, aber auch das Ausmaß an Einzelheiten, einschließlich Namen, Orte und Institute, sprächen dafür, heißt es in Wien. Und so denkt auch der ehemalige Atominspektor David Albright, Chef des angesehenen "Institute for Science and Security (ISIS)", in iranischen Atomfragen der am besten informierte Think Tank in Washington. Seine Prüfung habe keinerlei Hinweise auf Fälschungen ergeben, sagt er. Allerdings reichten die Dokumente alleine nicht aus, zu belegen, "dass der Iran ein Atomwaffenprogramm betreibt".

Auch seien die Forschungen an einem Raketenantrieb für Mehrfachsprengköpfe kein Beweis dafür, dass das Regime eine Atomrakete bauen wolle. "Denn von einem Atomsprengkopf ist in den Texten nicht die Rede", schreibt Albright in seiner Analyse. Doch der Verdacht bleibt, auch weil Teheran sich seit Jahren weigert, für Aufklärung zu sorgen. "Leider war die IAEO nicht in der Lage, mit dem Iran irgendwelche substantiellen Gespräche über diese unbeantworteten Aspekte zu führen", lautet das Fazit von IAEO-Chef ElBaradei in seinem jüngsten Bericht.

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