Historiker Reiner Pommerin : "Das würde den Minister schädigen"

Der Sprecher des Beirats für Innere Führung der Bundeswehr über Plagiatsvorwürfe und Folgen der Bundeswehrreform für das Konzept vom Staatsbürger in Uniform.

Herr Pommerin, kann ein Verteidigungsminister Vorbild für seine Soldaten sein, der beim Schummeln erwischt und mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert wird?

Aus der Sicht des Sprechers des Beirats Innere Führung ist die Frage leicht zu beantworten: Die Führungsphilosophie der Bundeswehr geht in Fällen von Beschuldigungen gegenüber einem Soldaten davon aus, dass sich sein Vorgesetzter vor ihn stellt und schützt, bis entsprechende Untersuchungen wirklich das Fehlverhalten ergeben. Vorschnelle Verurteilungen werden so vermieden und die Führung bleibt glaubwürdig. Eine solche Behandlung nach den Vorstellungen der Inneren Führung hat auch der Bundesminister der Verteidigung verdient, selbst wenn er keinen Vorgesetzten hat, der sich persönlich vor ihn stellen kann.

Nun kann von „vorschnell“ kaum noch die Rede sein: Dass Guttenberg Teile seiner Dissertation anderswo abgeschrieben hat, steht außer Zweifel, seine Glaubwürdigkeit ist bereits beschädigt. Das kann Ihnen mit Blick auf die Wirkung in der Truppe doch nicht egal sein?

Nein, natürlich nicht. Es würde den Minister schon schwer schädigen, wenn sich die Vorwürfe bestätigten. Das wiederum wäre fatal, denn mit dem Minister verbindet sich ja auch die Reform der Bundeswehr.

Zum 1. Juli wird die Wehrpflicht abgeschafft. Bedeutet das das Ende des Staatsbürgers in Uniform?

Nein. Was dabei übersehen wird: Der Berufs- und Zeitsoldat ist ja auch ein Staatsbürger in Uniform und kein reiner Befehlsempfänger.

Macht es für die Führungsphilosophie der Bundeswehr überhaupt einen Unterschied, ob es sich um eine Wehrpflichtigen- oder eine Freiwilligenarmee handelt?

Es wird künftig sehr viel schwieriger werden und bedarf großer Attraktivitätssteigerungen, geeigneten Nachwuchs zu gewinnen. Da braucht es eine andere Ansprache, andere Wege und Mittel, um Menschen an die Streitkräfte heranzuführen.

Was muss konkret passieren, damit man es am Ende nicht nur mit „Prekariern in Uniform“ zu tun hat?

Ich sehe das nicht so pessimistisch. Wir werden nicht nur die Gescheiterten und Gestrandeten, quasi den Bodensatz der Gesellschaft aufsammeln. Ich war kürzlich bei der Unteroffiziersschule des Heeres, und was mich wirklich überrascht hat, war der hohe Bildungsstand derer, die sich dort ausbilden lassen. Nichtsdestotrotz bleibt hier viel zu tun, um die Arbeitsbedingungen bei der Bundeswehr möglichst weitgehend vergleichbar zu machen mit denen in der freien Wirtschaft.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf die Bundeswehr zukommen?

Das Problem ist die demografische Entwicklung. Früher kamen ungleich viel mehr Bewerber auf eine Stelle. Die demografische Entwicklung wird für einen größeren Wettbewerb um qualifizierte junge Leute sorgen. Das ist schön für die jungen Leute – für die Bundeswehr bedeutet es, dass man zulegen muss: Weiterbildung, Vereinbarkeit von Familie und Dienst, finanzielle Anreize, all das wird zunehmend wichtiger.

Der damalige Inspekteur des Heeres, Hans-Otto Budde stellte vor einigen Jahren schon fest: „Wir brauchen den archaischen Kämpfer und den, der den High-Tech-Krieg führen kann“ ...

Was wir in den Auslandseinsätzen sehen, ist doch, dass wir junge entscheidungsfähige Menschen brauchen, die eine möglicherweise unvorhergesehene Situation richtig einschätzen können. Die müssen ihr militärisches Handwerk verstehen, schießen können, infanteristisch ausgebildet sein, klar – aber archaische Kämpfer brauchen wir nicht, sondern im Gegenteil: sensible, mitdenkende Soldaten.

Lange hieß es, Innere Führung funktioniere so lange die Armee eine Armee im Frieden sei – im Einsatz aber werde das Konzept scheitern.

Die Innere Führung hat sich, bei allen Kritikpunkten der Wehrbeauftragten am Führungsverhalten Einzelner, als die adäquate Führungsphilosophie bewährt, die unserem Menschenbild und unserer Demokratievorstellung entspricht. Das bestätigen im Übrigen auch alle Studien und Untersuchungen in den Einsatzgebieten, die für den Bundestag erstellt werden.

Die meisten Einsätze sind multinationale Einsätze – wie vertragen sich die unterschiedlichen Kulturen der Kriegsführung?

Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Traditionen und Gewohnheiten des Miteinanderumgehens vermischen. Natürlich ist es für einen Oberst in Großbritannien schwierig, mit einem Oberstabsfeldwebel der Bundeswehr zu verkehren, weil er es gewöhnt ist, dass seine Untergebenen eine größere Distanz ihm gegenüber an den Tag legen und eine geringere Bereitschaft, auf Defizite hinzuweisen. Aber große Reibereien, Einbußen bei der Auftragausführung selbst, sehe ich nicht.

Erwogen wird, die Armee für in Deutschland lebende EU-Ausländer zu öffnen.

Das wäre eine Herausforderung. Denn der Mensch in Uniform soll ja ein Staatsbürger sein, also eine größere Kenntnis nicht nur unseres Staates, sondern auch unserer Werte und Normen haben. Das würde eine bessere Vorbereitung, mehr politische Bildung und ein intensives Vertrautmachen mit den hiesigen Traditionen erforderlich machen.

Ekelrituale bei der Ausbildung, Totenschädelfotos vom Hindukusch, der Gorch-Fock-Skandal: Hapert es bei der Vermittlung der Inneren Führung?

Die Bundeswehr ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und die hat sich verändert. Früher wäre es zum Beispiel bei Prügeleien undenkbar gewesen, dass auf jemanden noch eingetreten wird, wenn er bereits am Boden liegt. Wir können nicht erwarten, dass Menschen, die in die Streitkräfte kommen, ethisch-moralisch völlig losgelöst von solchen Entwicklungen in ihrer normalen Umgebung agieren. Nichtsdestotrotz müssen Streitkräfte, eben weil sie eine bewaffnete Macht sind, in diesen Bereichen nachsteuern. Die Verpflichtung zu Erziehung und Aufsicht ist für uns eine ganz besondere. Aber Innere Führung ist ein Ideal – und das wird, in Einzelfällen, immer mal wieder unterlaufen.

Reiner Pommerin, 66, ist Historiker für internationale Militärgeschichte und Sprecher des Beirats für Fragen der Inneren Führung der Bundeswehr.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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