Politik : Holocaust-Mahnmal: Denkmal gefährdet

Amory Burchard

Der für das Frühjahr 2002 geplante Baubeginn für das Berliner Holocaust-Mahnmal ist in Gefahr. Der Architekt des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, Peter Eisenman, hat die Ausschreibung für die 2700 Beton-Stelen des Mahnmals aussetzen lassen. Eisenman erwägt, die fünfzig Zentimeter bis vier Meter fünfzig aus der Erde herausragenden Quader nun nicht mehr aus Beton herstellen zu lassen, sondern aus dem Naturstein Schiefer. Lea Rosh, Mitglied des Kuratoriums der Denkmals-Stiftung, sagte dem Tagesspiegel, eine Änderung des Entwurfs sei aus Zeit- und Kostengründen nicht hinnehmbar.

Der Vize-Vorsitzende des Förderkreises für das Denkmal, Lothar C. Poll, warnte am Sonntag, ein Wechsel des Baumaterials zu diesem späten Zeitpunkt würde den Baubeginn erheblich verzögern und die Baukosten vermutlich in die Höhe treiben. Außerdem würde Schiefer statt Beton "den Charakter des Denkmals verändern". Der edlere Naturstein sei nicht das, wofür der Förderverein "jahrelang gekämpft" habe.

Zum Thema Chronologie: Mehr als zehn Jahre Diskussion Eisenmans Berliner Partner, der Architekt Manfred Schasler, wollte am Sonntag lediglich bestätigen, dass man sich Gedanken mache, "ob auch andere Materialien geeignet sind". Auf dem Gelände des Mahnmals seien "Proben" aus Schiefer aufgestellt worden - als "letzte Alternativüberlegung".

Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals und Vorsitzende des Förderkreises, Lea Rosh, ist nicht bereit, Eisenmans Einwände jetzt noch gelten zu lassen. Sie befürchtet, neue Irritationen um die Gestaltung "geben denen Auftrieb, die sowieso gegen das Denkmal sind". Rosh glaubt nicht, dass es Eisenman gelingen wird, das Stiftungs-Kuratorium vom Schiefer zu überzeugen.

Die Diskussion um ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas begann 1989. Damals rief eine Bürgerinitiative um die Journalistin Lea Rosh dazu auf, ein Mahnmal in Berlin zu bauen. Nach zehn Jahren, im Juni 1999, beschloss der Deutsche Bundestag den Bau eines Entwurfs des amerikanischen Architekten Peter Eisenman. Unter dem Stelenfeld soll ein "Ort der Information" entstehen, in dem über die Hintergründe des Mordes an sechs Millionen europäischen Juden im Nationalsozialismus aufgeklärt wird.

Die Baukosten für das gesamte Denkmal sollen nach dem Bundestagsbeschluss 50 Millionen Mark nicht übersteigen. An der Finanzierung will sich der von Lea Rosh gegründete Förderkreis mit fünf Millionen Mark aus privaten Spenden beteiligen. Nach Straßensammlungen und einem Benefiz-Konzert entschied sich Rosh im Sommer 2001 für einen Spendenaufruf, der einen Skandal auslöste. Wegen eines Satzes auf dem Werbeplakat - "den Holocaust hat es nie gegeben" - musste Rosh den Aufruf nach Protesten zurückziehen.

Als Eröffnungsdatum hat das Kuratorium der Denkmals-Stiftung den 27. Januar 2004 festgesetzt, den Holocaust-Gedenktag. Das Kuratorium will sich erst am 31. Januar mit Eisenmans Material-Wünschen auseinandersetzen. In der Berliner Bauverwaltung, die für die technische Prüfung und die Bauaufträge zuständig ist, ist man alarmiert. "Das bedeutet, wir gehen mit allem wieder auf Null", sagte eine Sprecherin.

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