• Hubertus Knabe im Interview: Der Historiker über die Aufarbeitung der Stasi-Akten und Spione im Westen

Politik : Hubertus Knabe im Interview: Der Historiker über die Aufarbeitung der Stasi-Akten und Spione im Westen

Herr Knabe[welche Art von Erinnerungskultur halte]

Hubertus Knabe (41) arbeitet seit 1992 als Historiker in der Gauck-Behörde. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die West-Arbeit des MfS. Knabe, einer der profiliertesten SED-Forscher, verlässt die Gauck-Behörde zum 1. Dezember und wird wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im ehemaligen Zentralgefängnis der Stasi.

Herr Knabe, welche Art von Erinnerungskultur halten Sie zehn Jahre nach der Wiedervereinigung für richtig?

Die Erinnerung an die Opfer der zweiten deutschen Diktatur in diesem Jahrhundert wird in Zukunft an Gewicht gewinnen müssen. Sie muss für uns ähnlich zentral und selbstverständlich werden wie die an die Opfer des Nationalsozialismus. Es ist unsere Pflicht, ihnen wenigstens im Nachhinein Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihre historische Rolle zu würdigen und sie nicht doppelt zu bestrafen, indem man sie erneut an den Rand drängt. Wir tun dies im Übrigen auch für uns selbst, denn nur die Erinnerung an die SED-Herrschaft kann uns gegen etwaige Wiederholungsversuche immunisieren. Die Stasi-Hinterlassenschaften bilden eine Art Apotheke gegen die Versuchungen totalitärer Diktaturen. Wer einmal im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen war, wird sich von den Versprechungen des Kommunismus nicht mehr so leicht betören lassen.

Sie verlassen die Gauck-Behörde nach acht Jahren. Ein Abschied mit Wehmut?

Ja und Nein. Ich habe die Sorge, dass die Aufarbeitung westdeutscher Stasi-Verstrickungen in Zukunft mit weniger Nachdruck erfolgen könnte. Auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, dass ich in diesem Rahmen die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur nicht so betreiben konnte, wie ich sie für richtig halte. Insbesondere um meine Freiheiten als Wissenschaftler gab es Auseinandersetzungen ...

beispielsweise um Ihr Buch "Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen", das in dieser Form nicht im Hausverlag der Gauck-Behörde erscheinen konnte.

Das dahinterliegende Problem ist bis heute ungelöst. Wahrscheinlich war es von Anbeginn ein Konstruktionsfehler, wissenschaftliche Aufarbeitung in einer Behörde betreiben zu wollen. Eine Behörde beruht nun einmal auf Befehl und Gehorsam, während ein Wissenschaftler frei sein muss. Für die Wissenschaft ist das Gift.

Die Wissenschaft ist aber nur ein Teil der Behörde.

Ich frage mich inzwischen, ob nicht auch für die persönliche Akteneinsicht ein Seelsorger oder ein Psychologe das bessere Gegenüber wäre als eine Behörde. Für viele Opfer ist es schwer erträglich, an der Pforte beim Haussicherungsdienst ihren Ausweis zu hinterlegen und sich mit Anträgen, Paragrafen und Formularen herumschlagen zu müssen. Das kennen sie von früher. Der Schriftsteller Jürgen Fuchs hat früh davor gewarnt, dass ein typisch deutsches Amt den Opfern vielleicht nicht angemessen gegenübertreten könnte - und wahrscheinlich hat er Recht gehabt. Hinzu kommt, dass diese Behörde ausgerechnet im Geschäftsbereich des Innenministeriums angesiedelt wurde und nicht etwa beim Justizminister oder direkt beim Bundestag. Wenn Experten der Inneren Sicherheit die Geschichte eines Polizeistaates aufarbeiten sollen, halte ich dies für problematisch.

Warum?

In der Anfangszeit waren viele Bürgerrechtler geradezu fassungslos, als auf einmal Beamte des Bundesgrenzschutzes oder des Bundeskriminalamtes die Stasi-Akten in Besitz nahmen. Auch beim Umgang mit den Telefonprotokollen westdeutscher Politiker oder der Agentenkartei der HVA hegen viele den Verdacht, dass die Regierung in die Arbeit der Behörde eingreifen könnte. Ich kann dies weder behaupten noch ausschließen. Ich spüre allerdings, dass es Widerstände gibt, diese Dinge der Öffentlichkeit genauso zugänglich zu machen wie die über Ostdeutsche. Die Kartei der Westspione wird bis heute geheim gehalten - angeblich, weil die Amerikaner es so wollen.

Hat Joachim Gauck zu wenig für die Aufarbeitung getan?

Herr Gauck hat das Anliegen dieser Behörde nach außen außerordentlich gut vertreten. Aber er ist leider nicht die Behörde. Wie man in seiner Biografie nachlesen kann, hat ihn die Behörde auch nicht besonders interessiert. Die Macht liegt bei der Bürokratie, und die handelt nach ihrer eigenen Logik. Bürgerrechtler sind ihr eher suspekt. Auf der anderen Seite können ausgerechnet in dieser Behörde ehemalige Stasi-Mitarbeiter arbeiten ...

von denen es offiziell zwölf in der Behörde geben soll, inoffiziell deutlich mehr.

Ich kenne die exakte Zahl nicht. Für die meisten Opfer ist es aber bereits eine schwer erträgliche Vorstellung, wenn nur ein einziger Stasi-Mann über ihre Akten wacht.

Die Amerikaner übergeben CD-Roms mit Daten über West-Spione des MfS. Der Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, Ernst Uhrlau, erwartet sich keine wesentlichen Erkenntnisse. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nein, denn der größte Teil dieses Agentennetzes ist der Öffentlichkeit bislang unbekannt. Es gibt eine Fülle von Quellen, von denen nur die Decknamen bekannt sind. Wer war beispielsweise IM "Sense", der jahrzehntelang aus der SPD berichtete? Herr Uhrlau mag das wissen, aber die Forschung und die Gesellschaft wissen es nicht. In den nächsten Wochen wird sich wohl entscheiden, ob es zu einer Freigabe dieser Daten kommt. Für mich ist dies auch ein Test für die Aufrichtigkeit aller bisherigen Aufarbeitungsbemühungen. Denn es ist nicht einzusehen, dass die IM-Karteikarte einer ostdeutschen Krankenschwester ans Licht gezogen wird, die eines westdeutschen Ministerialrates aber nicht.

Auf Joachim Gauck folgt Marianne Birthler. Welche Auswirkungen wird das haben?

Frau Birthler hat sich bisher zu den Aufgaben und Zielen ihrer Arbeit nicht geäußert. Insofern ist sie eine Art Black Box. Da sie eine gestandene Oppositionelle ist, erhoffe ich mir, dass das Erbe der Bürgerrechtler in der Behörde mehr Gewicht erhält.

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