Politik : Ihr Kampfgeist

Ihre Einsätze in Afghanistan haben sie zwar überstanden, aber Spuren hinterließen sie trotzdem: Unvergessliche Bilder, lange verdrängt. Nichts, wovon Soldaten gerne erzählen. Sie zum Sprechen zu bringen, braucht Geduld – und eine gute Idee. Ein Dramaturg hatte so eine

Julia Schäfer[Leipzig]
Rund um die Uhr. Seit 2002 schickt die Bundesregierung Soldaten nach Afghanistan. Diese beiden warten im Camp Warehouse in Kabul auf ihre Wachablösung. Foto: Caro
Rund um die Uhr. Seit 2002 schickt die Bundesregierung Soldaten nach Afghanistan. Diese beiden warten im Camp Warehouse in Kabul...Foto: Caro / Trappe

Thomas Roßner erinnert sich an das schreiende Kind. Es war ein heißer, sonniger Tag. Er war mit einem Bundeswehrfahrzeug unterwegs auf den staubigen Straßen Kabuls, und plötzlich kamen afghanische Kinder über ein Feld gelaufen. Sie liefen so schnell sie konnten und holten das Auto ein. Ein Junge in zerlumpter Kleidung schrie und gestikulierte, dass er etwas zu essen haben wolle, erinnert Roßner, und habe dann „so einen schrillen Schrei ausgestoßen, den man nicht wiedergeben kann, der absolut unvergesslich bleibt. Diese Bitte, dieses Betteln, dieses Habenwollen.“

Thomas Roßner bekam eine Gänsehaut. Er hat selbst ein Kind, eine kleine Tochter. An sie musste er denken, als er den verzweifelten Jungen sah. Er dachte: „Mein Mädchen soll nie diesen Hunger und diese Armut erleiden, um solch einen Schrei ausstoßen zu müssen.“

Im Frühjahr 2010 ist Hauptfeldwebel Thomas Roßner, 37 Jahre alt, Abteilung Logistik und Nachschub, von seinem jüngsten Afghanistan-Einsatz nach Hause, nach Leipzig, zurückgekehrt. Er ist einer von jenen tausenden Soldaten, die seit Anfang 2002 von der Bundeswehr nach Afghanistan geschickt wurden, im Rahmen des ISAF-Einsatzes zur Stabilisierung Afghanistans, ein Einsatz, der die Antwort des Westens auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York war.

Dreimal war Roßner bisher in Afghanistan, 2004, 2009 und 2010. Alle Einsätze hat er unverletzt überstanden, unsichtbare Spuren haben sie aber dennoch hinterlassen. Selten sprechen Soldaten mit Fremden von belastenden Gefühlen. Darüber etwas zu erfahren, braucht Geduld und vielleicht eine neue Idee. Ein Dramaturg aus Leipzig hatte so eine. Ein Gesangsprojekt wollte er auf die Beine stellen, aus Berichten der Soldaten Lieder machen, einen Chorabend im Gewandhaus zu Leipzig.

Im Frühjahr 2010 sandte Matthias Schluttig, 31, eine entsprechende Anfrage an die Leipziger General-Olbricht-Kaserne, den Sitz des Stabes der 13. Panzergrenadierdivision. Nur vier Männer reagierten. Sie kamen nach Dienstschluss in die Räume des Gewandhauses, einmal pro Woche, rund 20-mal. Sie beantworteten die Fragen von Dramaturg Schluttig, einem quirligen Wehrdienstverweigerer mit ausgelatschten Turnschuhen, lernten den Chorleiter Gregor Meyer kennen und verloren allmählich die Skepsis gegenüber diesen kreativen Typen.

Die größte Herausforderung sei gewesen, sagt Schluttig, die „sehr pragmatischen und sachlich“ daherkommenden Soldaten dazu zu kriegen, über ihre Gefühle zu sprechen. Das seien die nicht gewohnt. „Allein die geeigneten Vokabeln zu finden. Was sind das für Gefühle? Wie fühlen die sich an? Was machen die mit mir?“ Mit Fragen wie diesen setzen sich die Soldaten im Alltag selten auseinander. In der Kaserne und im Auslandseinsatz müssen sie „funktionieren“ – sie geben und empfangen Befehle, sind dem Dienstherrn zur Loyalität verpflichtet, wozu auch eine gewisse Verschwiegenheit zählt. Zu Hause wollen sie abschalten.

Thomas Roßner stammt aus einer Soldatenfamilie und ist stolz darauf. Urgroßvater, Großvater, Vater, alle waren bei der Armee. Also wollte auch er, schon zu DDR-Zeiten. Hatte Wehrlager mitgemacht, vormilitärische Ausbildung. Und war dann nach der Wende enttäuscht von der Bundeswehr. Er stand am Dienstantrittstag frühmorgens als Erster am Tor, brachte dadurch alles durcheinander und wurde ausgelacht, als er fragte, wann der Frühsport beginne. Den gab es gar nicht. Drei Jahre nach seiner Vereidigung kam der erste Auslandseinsatz, 1997 in Sarajevo war das.

Im Leipziger Gewandhaus sollten die Soldaten berichten, assoziieren und das Erlebte zu Papier bringen. Und irgendwann war es soweit, dass Hauptfeldwebel Thomas Roßner schildern konnte, dass er den Schrei des Jungen nicht mehr los wird; und Stabsfeldwebel Michael Schön zum ersten Mal Außenstehenden von einem Raketenbeschuss erzählen konnte, der sieben Jahre zurückliegt.

Schön holte für das Projekt seine Erinnerungen „aus der untersten Schublade“. Er schilderte, wie eine Granate acht Meter neben ihm einschlug. Unvergessliche Bilder, die er lange verdrängt hatte. „Als ich das wieder aufarbeiten musste, da war es so, als wäre es gestern gewesen.“ Und da waren sie dann auch wieder: die Angst und die Gefühle der Ohnmacht. Aber sie blieben beherrschbar.

Stabsfeldwebel Michael Schön, 43 Jahre alt, war viermal in Afghanistan. Zweimal Kundus, zweimal Masar-e-Sharif. Insgesamt anderthalb Jahre. Schön arbeitet in der Abteilung Nachrichtengewinnung und Aufklärung, das heißt Lageberichte auswerten, zusammenfassen. Während der Einsätze war er hauptsächlich im Lager beschäftigt. In der Regel sind es die unteren Dienstgrade, die rausfahren, schießen und beschossen werden.

Im Chorprojekt erinnert sich Schön nach und nach an den 29. September 2004: Die Sonne ging gerade unter, Schön saß an seinem Arbeitsplatz und druckte einen Bericht aus, als er einen dumpfen Einschlag hörte. Sekunden später der nächste, direkt nebenan. Staub wirbelte auf, Steinmassen flogen durch die Luft, Dunkelheit. „Das stürzt alles so massiv auf dich ein“, erinnert sich der große, kräftige Typ, „dass du dich in den ersten zehn Sekunden erst mal orientieren musst, wo bin ich jetzt eigentlich, was ist jetzt gerade passiert?“ Auch das, diesen Moment totaler Orientierungslosigkeit, müsse man aushalten können.

Er hat sich, als er wieder denken konnte, durch die Dunkelheit getastet und irgendwo einen Arm gefunden, den er aus den Trümmern hervorzog. Dann kam die Erste Hilfe – Sanitäter, die den Schwerverletzten versorgten, der sich bis heute von dem Anschlag nicht erholt hat. Vor allem psychisch nicht.

Kurz nach dem Beschuss erging der Befehl, sich an einer Lehmmauer im Lager zu sammeln, wo die Soldaten stundenlang verharren mussten. Es wurden weitere Einschläge befürchtet.

Aus diesen Schilderungen schrieb Dramaturg Matthias Schluttig einen lyrischen Text, es entstand das Lied „Mit dem Rücken zur Wand“, komponiert von Gregor Meyer, gesungen vom 40-köpfigen Gewandhauschor.

Kalt läuft der Angstschweiß den Rücken hinunter,

ich wisch ihn nicht fort,

die Weste bleibt dort,

sie muss mich beschützen.

Mit dem Rücken zu Wand.

Bis tief in die Nacht, tief in die Nacht.

Während sie Kameraden

zusammenflicken.

Es zittert der Körper,

es rast der Verstand.

Der Raketenbeschuss, den Schön miterlebte, war einer der ersten Angriffe auf einen Bundeswehrstützpunkt in Afghanistan. Damals galt die Arbeit im Feldlager noch als relativ sicher. Und die Truppenpsychologin war nicht in Kundus stationiert, sondern musste extra aus Deutschland eingeflogen werden. Diese Nachbesprechung des Angriffs habe ihm aber nichts gebracht, sagt Schön. „Das war nur Gerede, Gelaber.“ 30 Mann und eine Psychologin, in einer Schlafbaracke der Soldaten, weil das andere Gebäude zerstört war. „Wir haben uns auf die Feldbetten gesetzt, und dann ging das Gefrage los.“ Ungefähr zwei Stunden lang, dann gingen alle wieder auseinander, „und im Endeffekt hatten wir das Gefühl, es wäre nichts besprochen worden.“

Im Nachhinein gab es durchaus psychische Reaktionen. Schlaflose Nächte, schlimme Träume, die Schön „Hirngespinste“ nennt. Das sei logisch, „gegen einen Raketenbeschuss kann man sich nicht wehren, kommt von oben. Splitterwirkung, Sprengwirkung“. Todesangst? „Nein, das nicht, aber kurz davor, es war eine extreme Angst.“ Etwa vier Monate hätten Schlaflosigkeit und Albträume angedauert, dann sei das weniger geworden, und nach anderthalb Jahren sei das „im Prinzip“ aufgearbeitet gewesen.

Für die Soldaten war der künstlerische Umgang mit ihren Erlebnissen eine ungewohnte Herausforderung. Umgekehrt war für die künstlerischen Leiter des Projekts die Arbeit mit Soldaten etwas völlig Neues: Der Chorleiter musste darauf achten, dass das Gewandhaus mit seinem internationalen Renommee nicht zur politischen Bühne wurde. Der Chorabend sollte weder eine Werbeveranstaltung für die Bundeswehr noch für den Pazifismus werden. Und der Dramaturg musste seine Vorurteile gegenüber Soldaten beiseite lassen, um aus ihren Erlebnissen authentische Texte zu formen, die wiederum den Ansprüchen der Komponisten genügen mussten. Nicht zuletzt spielten die 40 Sängerinnen und Sänger eine wichtige Rolle, denn erst durch ihre Stimmen ließen sich die Gefühle der Soldaten transportieren.

Schließlich entwickelte sich das Projekt zu einem derart intensiven Erlebnis, dass es die Teilnehmer bis in den Schlaf verfolgte: Eine Sängerin träumte von einem Luftangriff auf den Chor, ein Soldat von einer Sopranstimme, und der Dramaturg wurde das Bild der wilden kläffenden verstümmelten Hunde nicht mehr los.

Häufig bleiben die Details aus den Einsätzen, die Momente der Anspannung und Angst selbst den Angehörigen der Soldaten verborgen. „Sie würden es ja doch nicht verstehen“, meint Michael Schön. Außerdem wolle er seine Partnerin nicht zu sehr beunruhigen.

Das Schlüsselerlebnis für Schön und die anderen Soldaten war, als sie den Gewandhauschor das erste Mal ihre Texte singen hörten. Nach der Probe waren die Soldaten sichtlich bewegt. Da würden Erinnerungen vorgetragen, in diesem offiziellen Haus und am Ende auch vor Publikum, die er „kaum bis gar nicht verarbeitet“ habe, sagte Roßner. „Die fange ich jetzt an zu verarbeiten, und das Projekt hat daran einen unheimlich großen Anteil.“

Auch Michael Schön hat es fast umgehauen, als er den vielstimmigen Gesang hörte. Er stand an der Fensterscheibe des Probenraums, als das Lied vom schreienden Kind kam und musste rausgucken, sich ablenken, um seine Tränen zurückzuhalten. „Ihr bringt meine Gefühle, ihr bringt das rüber“, sagte er danach zum Chor, und seine Stimme zitterte.

Schön kennt wie Roßner die vergleichsweise kleinen Sorgen des Auslandseinsatzes: die Straßenszenen mit einheimischen Kindern, die bettelnd neben den Militärfahrzeugen herlaufen.

Er sagt: „Man kann sich an diese Situation nicht gewöhnen. Jedes Mal musst du selbst mit dir kämpfen. Nur wenn du dann in der Situation was gibst, dann hast du verloren. Dann stürmen plötzlich aus allen Richtungen irgendwelche Kinder, teilweise Jugendliche, Erwachsene auf dein Fahrzeug ein, dann hast du verloren.“

Roßner: „Du kannst dem Kind nicht helfen.“ Schön: „Du musst gegen dich selbst kämpfen. Du würdest am liebsten deine Waffe ziehen und ständig nur in die Luft ballern.“ Roßner: „Damit die weg sind.“

Eines der Lieder thematisierte das, was sich in Thomas Roßners Gedächtnis eingebrannt hat:

Da kommen sie, da kommen sie.

Achtung Kinder von links, überfahr sie nicht.

Anhalten, anhalten.

Tritt schneller, tritt schneller.

Ihr müsst uns etwas geben!

Was wollen die?

Wieso schreien die so?

Fahr weiter!

Papa, warum gibst du ihm nichts?

Papa, warum hältst du nicht an?

Papa, warum bist du Soldat geworden?

Warum bin ich Soldat geworden,

wenn ich jetzt nicht helfen darf?

Auch sie gehören zum Lied über das schreiende Kind: die bohrenden Fragen.

Schön sagt, er habe versucht, in dem Chorprojekt der Bevölkerung „oder den Interessierten“ zu zeigen, was Bundeswehr bedeutet, „gerade Bundeswehr in der heutigen Zeit“. Es sei schließlich auch die Volksvertretung, der Bundestag, die diese Einsätze beschließe.

„Gerade in der heutigen Zeit“ – 26 Jahre ist es her, dass der gebürtige Münchner Soldat wurde, da war er 17, und von Auslandseinsätzen sprach kein Mensch. Schöns Idee vom Soldatenberuf klingt aus heutiger Sicht naiv: „viel rumkommen, viel erleben“. Dass es in diesem Beruf um Leben und Tod geht, davon hatte er damals nicht die leiseste Ahnung. Heute, mit der Erfahrung von vier Afghanistaneinsätzen, weiß er: „Du musst als Soldat, der ständig rausfährt, damit rechnen, dass das Testament, was du im Vorfeld geschrieben hast, gerechtfertigt ist.“ Für ihn ist es ein Job, den er bestmöglich erledigt – nicht mehr und nicht weniger.

Nach zehn Monaten und vielen intensiven Gesprächen fand die Uraufführung des Chorkonzerts „Schlachtfeld der Seele“ im Gewandhaus zu Leipzig vor rund 250 Zuschauern statt. Angehörige der Soldaten, kulturinteressierte und musikbegeisterte Leipziger kamen in den kleinen Mendelssohn-Saal. Befürchtete Proteste von Kriegsgegnern blieben aus. Am Ende des Konzerts folgten 40 Sekunden der Stille, danach applaudierte das Publikum erst zögerlich, dann minutenlang. Gefühle der Betroffenheit, aber auch Zerrissenheit waren spürbar.

Nach zehn Jahren hat die deutsche Bevölkerung noch immer keinen Umgang mit ihren heimkehrenden Soldaten aus Afghanistan gefunden, mit deren Ängsten und deren Verletzlichkeit.

2012 übernimmt die 13. Panzergrenadierdivision Leipzig erneut die Leitung der Einsatzkontingente des Heeres. Dann gehen Stabsfeldwebel Michael Schön und Hauptfeldwebel Thomas Roßner wieder nach Afghanistan.

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