Ikone des Widerstands : Robert Havemann: Staatsfeind Nummer 1

Wissenschaftler, Kommunist, Ikone des Widerstands – vor 100 Jahren wurde Robert Havemann geboren.

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Robert Havemann.Foto: dpa

Berlin - „Der GI (Geheime Informator – d. Red.) arbeitet bereits seit 1953 für unser Organ als Kontaktperson und brachte wertvolle Hinweise und Informationen über sein Institut und verschiedene Wissenschaftler. Vorher arbeitete er jahrelang mit einer sowjetischen Dienststelle zusammen.“ So heißt es im Bericht über die Anwerbung Robert Havemanns als inoffizieller Mitarbeiter der Stasi am 24. Februar 1956, bei der er selbst seinen Decknamen „Leitz“ vorschlug.

Der renommierte Physikochemiker, Hochschuldekan und Abgeordnete der Volkskammer ist ein eifriger Zuträger und Denunziant. Eine 2005 erschienene Studie von Arno Polzin listet 62 Treffen Havemanns mit seinem Führungsoffizier auf. Er übergibt 146 Berichte, schwärzt angeblich 19 Mal andere Personen an, vorwiegend Wissenschaftlerkollegen.

Diese Details über Havemanns Spitzeleifer sind irritierend: War doch gerade das Jahr 1956 mit der Geheimrede Chruschtschows über die Stalin-Gräuel und dem Ungarnaufstand eine Art Erweckungsdatum für den am 11. März 1910 in München geborenen und 1935 in Berlin promovierten Wissenschaftler. Denn fortan wird der 1932 der KPD und 1951 der SED beigetretene Havemann sowohl in Parteiversammlungen als auch in wissenschaftlichen Gremien politische Widersprüche öffentlich benennen, Dogmatismus und Unfreiheit als Gründe für politische Erstarrung in den sozialistischen Ländern anprangern – und immer mehr Sympathisanten um sich scharen.

1964 wird Havemann nach einer Vortragsreihe an der Humboldt-Universität aus der SED ausgeschlossen und aus dem Hochschuldienst entlassen. Aus dem IM-Vorgang wird Ende 1963 bei der Stasi der Operative Vorgang (OV) „Leitz“, Havemann wird vom Spitzel zum Bespitzelten – und bleibt es bis über seinen Tod am 9. April 1982 hinaus. Er ist der vom SED-Staat am meisten gefürchtete und am intensivsten bearbeitete Gegner. Mehr als 400 Aktenbände legt das MfS über ihn an.

Havemann war für Dutzende Oppositionelle in seinem Umfeld, für hunderttausende Unzufriedene im Land eine Ikone des unbeugsamen Widerstands gegen den pervertierten Sozialismus, Hoffnungsträger für eine wahrhaft demokratische Republik. Sein 1954 in Grünheide östlich von Berlin erworbenes Grundstück wurde in den 70er Jahren zum Mekka der Widerständler. Immer wieder gelang es Havemann, Kontakt zu Westjournalisten zu finden, um über die Westmedien in die DDR hineinzuwirken.

Am 26. November 1976, zehn Tage nach der Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann, stellte die Staatsmacht den seit seiner Haft im Brandenburger Nazi-Kerker schwer lungenkranken Staatsfeind Nummer 1 in Grünheide unter Hausarrest. Havemanns Familie und seinen Freunden wurde ein gelegentlich ins Komische abgleitendes Katz-und-Maus-Spiel mit der allgegenwärtigen Stasi aufgenötigt. Als im Mai 1979 der Hausarrest aufgehoben wurde, hängte die Stasi Havemann einen Prozess wegen Zoll- und Devisenvergehen an.

„Ja, ich hatte unrecht“, bekannte Havemann einst 1965 in der „Zeit“ und erklärte seinen Wandel vom Stalinisten zum Antistalinisten. Zeitlebens aber blieb er Kommunist, mit gelegentlich diffusen Vorstellungen von der Gesellschaft, wie sein 1980 bei Piper erschienenes Buch „Morgen“ belegt. Dass er schon 1978 prophezeite, es bedürfe „nur noch weniger äußerer Anstöße und Ereignisse (...), um das Politbüro zum Teufel zu jagen“, war eine verfrühte Ahnung von der friedlichen Revolution. Wo 1989 und danach Havemanns Platz gewesen wäre, darüber kann man nur spekulieren. Gleichwohl hatte er in seiner letzten großen politischen Aktion, dem 1981 mit Pfarrer Rainer Eppelmann verfassten „Berliner Appell“, die einzige Friedensperspektive in der Überwindung der Teilung Europas und in der Wiedervereinigung Deutschlands gesehen.

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