Politik : Im Fadenkreuz der Mafia?

Djindjic wollte das organisierte Verbrechen stärker bekämpfen. Die Regierung sieht dort die Auftraggeber des Mordes

Caroline Fetscher

SERBIEN NACH DEM ATTENTAT

Serbiens Regierung hat nicht lange gezögert. Schon am Mittwochabend gab sie eine Erklärung zum Mord an ihrem Premierminister Zoran Djindjic heraus. Sie liest sich wie eine Anklageschrift. Verantwortlich gemacht und genannt werden – mit Namen, Spitznamen und unter Nennung weiterer mutmaßlicher Verbrechen – knapp zwei Dutzend Männer. Sie alle sollen dem so genannten Zemunski-Clan angehören, der nach Informationen des Belgrader Senders B 92 insgesamt 200 Mitglieder hat.

Zarko Korac, einer der Vizepremiers, sagt über die kriminelle Gruppe, sie sei die wahrscheinlich am besten organisierte auf dem Balkan. Allein durch Entführungen und Erpressungen habe sie Millionen Euro eingenommen. „Die verfügen über so gut wie alles: Geld, Killer, Informationsquellen“, erklärt Korac, der als einer der Hoffnungsträger der Demokratie gilt. Einige der Gesuchten wurden am Mittwochabend festgenommen, andere sind auf der Flucht. „Von vielen wissen wir, dass sie sich seit Tagen versteckt halten – das gleicht einem Schuldeingeständnis.“

Auf der Suche ist die serbische Polizei jetzt nach den Hauptverdächtigen, die offenbar bereits seit Monaten beobachtet werden: Einer ist Milorad Lukovic, der ehemalige Chef einer Sondereinheit der Polizei. Die als „Rote Barette“ bekannte Truppe hatte in den Balkan-Kriegen in den 90er Jahren gekämpft. Lukovic hatte sich im Juni 2001 gegen die Auslieferung des früheren Machthabers Slobodan Milosevic an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gestellt. In Belgrad wird spekuliert, die Entlassung des Chefs des staatlichen Sicherheitsdienstes, Andrija Savic, durch die Regierung hätte unlängst Schockwellen im Innern des Zemunski-Clans ausgelöst, der sich bisher immer auf seine Kontakte im Polizeiapparat verlassen konnte.

Auf dem Balkan operieren nach Einschätzung internationaler Experten Dutzende mafiaähnliche Banden. Djindjic hatte sich, so heißt es in Teilen der serbischen Presse, angeblich in der Übergangsphase zur Demokratie mit ihnen einlassen müssen, jüngst aber entschlossen gegen sie Front gemacht. Dies sei offenbar sein Todesurteil gewesen.

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