Politik : Im Frühling provokativ und maskulin

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Oh, es ist schon viel geklagt worden über den Verlust gesellschaftlicher Normen in der permissiven westlichen Gesellschaft, über die zunehmende Beliebigkeit im gegenseitigen Umgang. Daran sind wir alle ein wenig schuld – aber was ist mit jenen, die kraft Amtes für das Normenvergeben zuständig wären? Ja, es gibt ihn noch, den Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband. Aber wann hätte er zuletzt mit der Autorität seiner Profession einen Tanz des Jahres verkündet? Den Letkiss? Den Fummelblues? Das unbeteiligte In-der-Disko-Rumhängen?

Aber nicht alle Normenbeauftragten zeigen so geringen Einsatz. Deutschlands Friseure beispielsweise sind nie um einen Trend verlegen. Sie erfinden ihn notfalls selbst und haben zu diesem Zweck bei ihrem Kölner Zentralverband sogar eine Kreativabteilung gegründet. Kaum also fragen sich viele Männer ratlos, welcher Schnitt sie im Frühjahr und Sommer modekonform schmücken könnte, naht schon die Antwort: Bei den Männern, so heißt es in Köln, sei der „provokative und maskuline Look der Rockszene angesagt“.

Ja, werden nun viele sagen, das hatten wir schon, das hieß Vokuhila und war gewissermaßen das Arschgeweih für den Mann, ein Prekariatssymbol, das unmittelbar zum Hartz-IV-Bezug berechtigte. Aber so einfach haben es sich die Kreativen nicht gemacht. Denn die neue Rockerfrisur, so hören wir, setzt zwingend das „Crashing“ voraus: Die halblangen Haare werden gedreht, erwärmt, mit Haarspray in Form gebracht und mit einem Bügeleisen geglättet, der Pony fällt auf die Nase, die Ohren bleiben frei. Macht der Friseur das genau richtig, reagieren die Bekannten enthusiastisch. Mensch, werden sie sagen, du siehst ja aus wie Kurt Cobain! (Und die Vermutung äußern, dass der Rockstar sich wegen eben einer solchen Frisur erschossen habe.)

Es ist absehbar, dass ein so extremer Stil nur eine Sommersaison hält und dann durch etwas Neues ersetzt werden muss. „Bashing“ erinnert an die Frisurenmode reisender Hirten des 18.Jahrhunderts: Die langen Haare werden geknickt, mit heißer Ziegenmolke in Form gebracht und mit einem glühenden Hufeisen fixiert. Lässig sieht das aus, ganz und gar ländlich und doch ausdruck eines urbanen Lebensgefühls. Der MP-3-Player hält darin ohne zusätzliche Befestigung, und jedes vorbeireitende Pony fällt auf die Nase. Tanzlehrer: Dazu würde der „Rumpelstilz“ passen. Wild, unordentlich – aber doch ganz im Rhythmus der Zeit.

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