Politik : "Im Ghetto von Warschau": Angesicht des Todes

Christian Böhme

AM 19. September 1941 hatte Heinrich Jöst Geburtstag. Es war der 43., und es war Krieg. Der Feldwebel der deutschen Wehrmacht, im Warschauer Vorort Praga stationiert, nutzte seinen freien Tag für einen Spaziergang. Er wollte einfach mal hinter die Mauern des Ghettos schauen. Dort sollten ja schlimme Zustände herrschen. Jöst nahm seine Rolleiflex mit auf den Spaziergang. Und er machte Bilder, Bilder vom Alltag der 500 000 Juden, die auf vier Quadratkilometern leben, nein dahinvegetieren mussten. Doch Jöst zeigte keinem seine Fotos. Jahrzehntelang bewahrte er sie auf. Bis 1982. Dann übergab er seine Aufnahmen dem "Stern"-Journalisten Günther Schwarzberg. Ein einzigartiger Fund, wie sich herausstellte. Jetzt sind Heinrich Jösts Bilder aus dem Vorhof zu Hölle vollständig im Göttinger Steidl-Verlag erschienen.

Heinrich Jöst fotografierte Händler auf vollen Straßen, bettelnde Kinder, den Friedhof und Leichenberge. Allein in den Monaten Juli, August und September 1941 starben 16 000 Menschen durch Hunger und Seuchen. Viel später, im Gespräch mit Günther Schwarzberg, schilderte er seine Eindrücke. "Mit geschlossenen Augen stand die Frau vor der Wand, an der halb abgerissene Plakate ein Sinfoniekonzert mit Szymon Pullman im Konzertsaal auf der Rymarska 12 und eine Veranstaltung im Cafè Ogrod auf der Nowolipki-Straße 36 ankündigten. Sie verkaufte gestärkte Armbinden mit dem Davidstern, wie sie jeder Jude tragen musste. Die Frau sah aus, als würde sie im nächsten Augenblick tot umfallen."

Als Jöst am 19. September 1941 das Ghetto verließ, war ihm nicht mehr nach feiern zumute. Er sagte ein Treffen mit Kameraden ab. Ein Jahr später begannen die Deutschen mit den Deportationen in die Gaskammern. 1943 machte die SS das Ghetto dem Erdboden gleich.

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