Politik : Im polnischen Grünberg macht die Polizei Geschäfte mit Dieben

Wlodzimierz Nechamkis

Die Durchsage, die das Vormittagsprogramm des Lokalsenders "Radio Zachod" in der polnischen Stadt Zielona Gora (Grünberg) unterbricht, ist unauffällig und grau wie der Alltag: "Gestern Nachmittag wurde in Sulechow ein blauer VW-Käfer, amtliches Kennzeichen ZEE-2505, Baujahr 1970, gestohlen. Für Hilfe bei der erfolgreichen Wiederbeschaffung des Fahrzeugs ist eine Belohnung ausgesetzt. Bitte, melden Sie sich unter der Telefonnummer 3854436."

"Solche Annoncen werden bei uns oft gesendet", bestätigt Grazyna Stanczak, eine Mitarbeiterin der Rundfunkanstalt in dem rund eine Autostunde südöstlich von Frankfurt an der Oder gelegenen Ort. "Im Schnitt dreimal pro Woche. Kurz vor Weihnachten aber stieg die Zahl der Diebstähle dramatisch an, so dass wir manchmal mehrere Hilferufe verzweifelter Autobesitzer an einem Tag senden mussten."

Die Bestohlenen sind Realisten: Sie wissen, dass die Diebesbanden die Fahrzeuge entweder "auf Bestellung" oder "für Lösegeld" klauen. Wer sein Fahrzeug wiedersehen will, so heißt die Regel, muss sich an den Dieb und nicht an die Polizei wenden. Die angekündigte Belohnung signalisiert die Bereitschaft des Bestohlenen, über die Höhe des Lösegeldes zu verhandeln. Die Polizei, so weiß man in Grünberg spätestens seit der Affäre um den stellvertretenden Bürgermeister Stanislaw Domaszewicz, macht sich gern als Mittler zwischen Dieb und Opfer nützlich.

Dabei hatte sich der zweitwichtigste Mann in der Stadt nur so verhalten, wie es wohl die meisten Bürger an seiner Stelle tun würden. Nachdem sein Audi 80 gestohlen worden war, bat er zunächst seinen Freund, einen erfahrenen Staatsanwalt, um Rat. Der Jurist wandte sich seinerseits an den befreundeten Kommandanten des 3. Polizeikommissariats.

Wenige Tage später ließ der Polizeichef dem Diebstahlopfer ausrichten, die Wiederbeschaffung des Autos koste 1100 Mark. Er müsse sich aber beeilen und dem Dieb das Geld schnell zukommen lassen, sonst werde der Schurke, so unberechenbar wie er nun einmal sei, es sich womöglich anders überlegen und das Auto verbrennen. Aus welchem Grund der Dieb die Beute zerstören sollte, ist unklar. Doch später behauptete der Vizebürgermeister, er habe unter enormem Druck gestanden. "Es war Nacht, und ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden sollte", gestand er der Lokalzeitung "Gazeta Lubuska".

Das Lösegeld, so behauptetete er später im Verhör der Staatsanwaltschaft, deponierte er auf einer Bank an einer entlegenen Bushaltestelle außerhalb der Stadt. Seine Freude über das Fahrzeug, das er wenig später auf einem Parkplatz vorfand, war damals so groß, dass er sich spontan entschied, die Anzeige gegen Unbekannt zurückzuziehen. Da blieb auch dem Polizeikommandanten nichts anderes übrig, als die Untersuchung zu den Akten zu legen.

Hätte es keine internen Kämpfe im Grünberger Polizeipräsidium gegeben, wäre die Geschichte wohl nie bekannt geworden. Doch irgendwie sickerten einige Details über die Wiederbeschaffungspraktiken der Ordnungshüter an die Öffentlichkeit. So stellte sich heraus, dass die Übergabe der 1100 Mark nicht wie in einem Spionagethriller bei Nacht und Nebel an einer Bushaltestelle stattfand, sondern im stillen Kabinett des Polizeikommandanten - in Gegenwart von Zeugen. Auch der Audi, der seinem rechtmäßigen Besitzer so viel Freude bereitete, war zu diesem Zeitpunkt direkt vor dem 3. Polizeikommissariat geparkt.

Wojciech W., ein Polizeifahnder, der zwischen dem Autoknacker und seinem Vorgesetzten vermittelte, wurde als Erster vom Dienst suspendiert. Der Kripobeamte lebte auf großem Fuß. Vorgeworfen werden ihm nicht nur gemeinsame Geschäfte mit seinen "operativen Informanten", also den Autodieben. Er soll auch seinen Privatwagen als gestohlen gemeldet haben, um die Versicherungsprämie zu erschwindeln.

Über die Zahl der Grünberger Polizisten, denen Geschäfte mit Autodieben vorgeworfen werden, will Staatsanwalt Kazimierz Rubaszewski keine Auskunft geben. Auch die Pressestelle der Grünberger Polizei hält sich seit Wochen bedeckt. Selbst die Journalisten aus den Lokalzeitungen bekommen die schlechte Laune der Beamten zu spüren. Zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch des Kommunismus müssen sie "aus Sicherheitsgründen" unendlich lange Passierscheine ausfüllen, bevor sie das Polizeipräsidium betreten dürfen. In der Regel erfahren die Journalisten dann, dass der zuständige Sprecher in einer dringenden Angelegenheit verreist ist, oder werden an übergeordnete Behörden verwiesen. Dabei ist es den Medien zu verdanken, dass gegen den Polizeikommandanten, der zunächst lediglich versetzt wurde, doch noch ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde.

Der Politiker, dem er bei der Wiederbeschaffung seines Autos geholfen hat, denkt nicht daran, auf seinen Posten zu verzichten. Es tue ihm schrecklich Leid, bei der Staatsanwaltschaft falsche Aussagen gemacht zu haben, doch die gegen ihn erhobenen Korruptionsvorwürfe halte der Bürgermeister für unbegründet. Gehandelt habe er ja quasi offiziell mit Unterstützung des Polizeikommandanten und seiner Beamten. Auch seinen Freund, den Staatsanwalt, kann man juristisch nicht belangen. Woher hätte er wissen können, dass der Autodieb sich von Mitarbeitern des Polizeichefs bezahlen ließ?

Nach Meinung des Vizebürgermeisters ist es ohnehin zu keiner Bestechung gekommen. Die 1100 Mark Lösegeld habe er ja inzwischen zurückerhalten. Einige Wochen nach dem Diebstahl habe ein Unbekannter plötzlich vor seiner Tür gestanden und die ganze Summe zurückgegeben, teilte Domaszewicz unlängst mit.

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