Politik : Im Sog des Bürgerkriegs

Im Libanon droht durch den Konflikt im Nachbarland eine neue Gewaltwelle.

Patricia Khoder
Ohne Kabinett. Libanons Premier Tammam Salam sucht seit neun Monaten nach einer Regierung. Foto: AFP
Ohne Kabinett. Libanons Premier Tammam Salam sucht seit neun Monaten nach einer Regierung. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Die Menschen im Libanon haben Angst. Vor dem nächsten Terrorangriff, vor weiteren Bomben – und dass ihr ohnehin politisch instabiles Land ganz auseinanderbrechen könnte. Wie brisant die Lage ist, wurde erst vor kurzem in aller Brutalität deutlich. Ein sunnitischer Selbstmordattentäter riss vor der iranischen Botschaft in Beirut 24 Menschen mit in den Tod. Nun wächst die Furcht davor, der Syrienkonflikt könnte auch im Libanon den religiösen Fundamentalismus stärken. Mit womöglich fatalen Folgen für das kleine Land.

Dass der Zedernstaat seit vergangenem Februar quasi führungslos ist, macht die Situation noch brisanter. Zwar wurde Tammam Salam vor gut neun Monaten als Premier formell eingesetzt. Doch bislang ist es ihm nicht gelungen, eine Regierung zu bilden. Vielmehr nehmen die Konflikte zwischen den verschiedenen Parteien sogar noch zu: Auf der einen Seite stehen jene, die von der schiitischen Hisbollah angeführt werden und Machthaber Baschar al Assad im Syrienkrieg unterstützen. Auf der anderen Seite hat sich eine Koalition gebildet, die sich gegen das Regime in Damaskus stellt und wie Staatschef Michel Suleiman versucht, den Libanon aus dem Konflikt im Nachbarland herauszuhalten.

Doch der jüngste Anschlag entzieht dieser Hoffnung offenkundig die Grundlage. In Beirut warnen jetzt viele vor einer Irakisierung des Libanon. Das Land könnte zu einem Schlachtfeld religiös motivierter Konflikte werden. Auch die Politik ist sich seit langem darüber im Klaren, dass sich zunehmend fundamentalistische Gruppen im Land bewegen. Begonnen hat diese Entwicklung bereits im Irakkrieg. Aber erst die Attacke auf die iranische Botschaft hat den Libanesen vor Augen geführt, dass die sunnitische Al Qaida ihr Land unterwandert.

„Der Anschlag war ein Wendepunkt“, sagt auch der frühere Innenminister Ahmed Fatfat im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Wir haben gesehen, dass sich die Unruhen in den Nachbarstaaten direkt auf unser Land auswirken.“ Fatfat gehört al Moustakbal an, einer sunnitischen Partei, die gegen die Hisbollah arbeitet. „Der zunehmende sunnitische Fundamentalismus im Libanon ist das Resultat davon, dass die Hisbollah und der Iran direkt in den Syrienkrieg involviert sind“, sagt er. „Nur wenn sich der Libanon aus den Unruhen heraushält, könnte das Land stabil bleiben.“ Doch selbst in Gegenden, die als sunnitische Hochburgen gelten, können sich die Menschen nicht mehr sicher fühlen. „Hisbollah hat dort schon früher Anschläge verübt, und sie wird es auch in Zukunft tun“, sagt Fatfat.

Ähnliche Befürchtungen hat auch der designierte Ministerpräsident Tammam Salam. „Die Reihe von Selbstmordanschlägen im Libanon wird sich in den kommenden Monaten fortsetzen“, sagt Mohammed Mashnouk, einer der engsten Mitarbeiter des Politikers . Mashnouk hält die Situation für so gefährlich wie seit dem Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 nicht mehr. Allerdings glaubt der Politiker auch, dass sich die Parteien vor dem Hintergrund der jüngsten Anschläge doch noch zusammenraufen und einen politischen Weg aus der Krise finden können. Wenn sie es wollten. Michael Touma ist skeptischer. Der Journalist der französischsprachigen Zeitung „Lorient-Le Jour“ sagt: „Selbst wenn diese Art Anschläge Diskussionen in Gang bringen sollten, wird die Hisbollah-Miliz ihre Strategie nicht ändern.“ Patricia Khoder

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