Im Wortlaut : "Die Mauer war ein Bauwerk der Furcht"

Die Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler beim Empfang zur Feier des 20. Jahrestags des Mauerfalls im Wortlaut.

Horst Köhler

Die Mauer war ein Bauwerk der Furcht. Am 9. November vor 20 Jahren wurde sie zu einem Ort der Freude. 28 Jahre lang durften sich die Ostdeutschen ihr nicht einmal nähern. Am 9. November 1989 tanzten die Menschen auf ihr. Und die Welt sah anders aus danach.

Meine Frau und ich, wir sind glücklich, die Erinnerung an diesen Tag mit Ihnen gemeinsam begehen zu können. Damals waren wir beide noch Westdeutsche, und wir staunten über den Tanz auf der Mauer. In ganz Deutschland fielen sich die Menschen in die Arme und sie dachten an die Vielen in der DDR, die mit Mut und Beharrlichkeit und ohne Gewalt eine friedliche Revolution in Deutschland möglich gemacht haben.

Diejenigen, die sich nicht mehr einschüchtern ließen und in den Wochen und Monaten vor dem 9. November zu Tausenden und Abertausenden in Leipzig, Berlin, Dresden und anderswo für ihre Rechte auf die Straße gingen, haben ihre Freiheit und die Einheit unseres Landes errungen. Sie riefen: "Wir sind das Volk", und sie entwaffneten ein Regime, das längst nicht mehr vom Willen der Regierten getragen war.

Im Nachhinein können wir viele Gründe für die friedliche Revolution benennen. Aber sie bleibt auch ein Wunder, und alles hätte anders kommen können, wenn nicht eine mutige Bürgerrechtsbewegung, kluge Staatsmänner wie George Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl, aber wohl auch eine glückliche Fügung den Weg geebnet hätten.

Helmut Kohl kann heute leider nicht hier sein. Er bat mich aber, Ihnen herzliche Grüße zu übermitteln.

Viele haben dazu beigetragen, dass die Mauer fallen konnte: Die Gewerkschaft Solidarität in Polen, die mutige Regierung in Ungarn, die unerschrockene Freiheitsliebe der Völker in Mittel- und Osteuropa, die Bereitschaft der Demokratien des Westens, ihre Werte zu behaupten, die Einsicht der sowjetischen Führung in die Notwendigkeit des Wandels.

Dass die Mauer fiel, war das Zeichen für eine Epochenwende. Eine Epochenwende zu Freiheit und Demokratie. Der Wandel, der folgte, hat das Gesicht unseres Kontinents und das Leben von Millionen von Europäern grundlegend verändert. Die Europäische Union und die NATO haben sich nach Osten und Südosten erweitert. Zwischen Ländern, die vor 20 Jahren noch auf verschiedenen Seiten des Eisernen Vorhangs lagen, gibt es heute praktisch keine Grenzkontrollen mehr. Im Euroraum benutzen wir eine gemeinsame Währung. Die EU und Russland verbinden vielfältige Beziehungen, ein neues grundlegendes Abkommen wird gerade verhandelt. Mit ihren Nachbarn im Osten und im Süden hat die EU enge Partnerschaften geknüpft.

Ich glaube, das Glück der europäischen Vereinigung, der gewonnenen Sicherheit und des gemeinsam erreichten Wohlstands birgt auch eine Verpflichtung für uns Europäer zur Verantwortung in der Welt. Die Europäische Union als einzigartiger Staatenverbund mit 500 Millionen Einwohnern und einer enormen Wirtschaftskraft hat allen Grund, sich mit Selbstbewusstsein in die Gestaltung einer besseren Welt einzubringen.

Denn nicht alle Hoffnungen der euphorischen Zeit nach 1989 haben sich erfüllt. Das Ende des Kalten Krieges hat keineswegs alle Probleme gelöst, denen sich die Welt gegenübersieht. Vielmehr hat sich gezeigt, dass der Ost-West-Konflikt grundlegende Probleme wie Armut, Hunger und Unterentwicklung in unserer Aufmerksamkeit nur in den Hintergrund gedrängt hatte.

In der in Chancen und Problemen vernetzten Welt von heute lassen sich die Menschheitsaufgaben nicht mehr unter den Teppich kehren. Der Kampf gegen die Armut und der Kampf gegen den Klimawandel, das ist ein gemeinsamer Kampf für Frieden und für eine lebenswerte Welt. Und die internationale Finanzkrise fordert uns auf, Geld und Kapital wieder in eine dienende Rolle für die Menschen zu bringen. Machen wir uns klar: Der Fall der Mauer hat uns frei gemacht, gemeinsam eine neue Politik zu wagen. Heute stehen nicht mehr das Gegeneinander von Gesellschaftssystemen im Vordergrund, sondern die Chancen einer kooperativen Weltpolitik zum Nutzen aller.

Auch das Vertrauen unserer Freunde und Partner hat uns Deutschen die Wiedervereinigung in Freiheit gebracht. Im Namen aller Deutschen sage ich Ihnen: Danke, diese Nation wird das nicht vergessen.

Berlin, 9. November 2009.

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